Montagsinterview mit der neuen Obermeisterin der Bäckerinnung, Anja Lerch

Vollkornbrot geht immer

Handwerk im wahren Wortsinn: In ihrer kleinen Backstube in Sorga arbeitet Anja Lerch nach traditionellen Rezepten und kommt mit vergleichsweise wenigen Maschinen aus. Seit Ende April ist die 39-Jährige Obermeisterin der Bäcker-Innung Hersfeld-Rotenburg. Foto: Eisenberg

Hersfeld-Rotenburg. Die Arbeit geht Anja Lerch eigentlich nie aus. Der Interviewtermin mit der 39-Jährigen, die als neue Obermeisterin der Bäckerinnung die Nachfolge von Wilfried Brandau aus Ransbach angetreten hat, findet deshalb in ihrer Backstube im Bad Hersfelder Stadtteil Sorga statt. Während sie den Teig für die Brötchen knetet, spricht Anja Lerch über ihre Motivation und die Zukunft ihres Berufsstandes.

Brot und Brötchen gibt es heute an der Aufbackstation in jedem Supermarkt und an der Tankstelle. Sind die traditionellen Bäckereien ein Auslaufmodell?

Anja Lerch: Wir können uns nur über Wasser halten durch Qualität und weil wir nach traditionellen Rezepten arbeiten. Wenn wir diese Qualität nicht hätten, würden die produktiven Bäcker kaum noch überleben.

Backmischungen und Teigrohlinge haben auch in den Backstuben vieler Handwerksbetriebe Einzug gehalten. Wird den Kunden da nicht eine heile Welt vorgegaukelt, die es gar nicht mehr gibt?

Lerch: Unsere Kunden merken den Unterschied und sind bereit, ein paar Cent mehr zu bezahlen, wenn sie wissen, dass die Waren selbst hergestellt wurden. Jeder Bäckereibetrieb sollte versuchen, Fertigprodukte zu vermeiden.

Als Nachfolgerin von Wilfried Brandau treten Sie als Obermeisterin in große Fußstapfen. Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihres Amtes?

Lerch: Ein Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit den Fleischern. Außerdem will ich versuchen, weitere Betriebe für die Innung zu gewinnen und das Interesse bei den Auszubildenden zu wecken. Der Bäckerberuf stirbt sonst irgendwann aus. Man muss versuchen, das Bäckerhandwerk interessant zu machen. Es ist ein sehr kreativer Beruf, langweilig wird es bei uns nie.

Wie kann man den Beruf attraktiver machen? Ums frühe Aufstehen wird man wohl kaum herumkommen.

Lerch: (lacht) Mein Argument war immer: Wer früh anfängt, hat früh Feierabend. Wenn man als Auszubildender vormittags um 11 Uhr im Freibad liegen kann, ist das auch eine tolle Geschichte. Wer fit ist, kann am Wochenende auch mal eine Nacht durchmachen. Das habe ich früher auch so gemacht. Nicht immer, aber ab und zu geht das schon.

Beim Blick auf die mit sieben Bäckereien recht übersichtliche Mitgliederliste der Bäckerinnung fällt auf, dass kein Betrieb aus dem Altkreis Rotenburg vertreten ist. Gibt es bei den Bäckern immer noch Befindlichkeiten zwischen den Kreisteilen?

Lerch: Das lag in der Vergangenheit an der mangelnden Zusammenarbeit. Viele denken, sie bräuchten im Internet-Zeitalter die Innung nicht mehr. Das ist aber falsch! Über die Innung bekommt man viele Informationen, die man sonst nicht erhält. Wir müssen auch die Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Gerade Aktionen wie der gemeinsame Motivwagen mit den Fleischern im Lollsfestzug im vergangenen Jahr machen Spaß und sind ein gutes Beispiel. Wir hoffen, dass auch aus dem Rotenburger Raum wieder Betriebe als Mitglieder dazukommen.

Sind Frauen mit Meisterbrief im Bäckerhandwerk häufiger anzutreffen oder noch eher die Ausnahme?

Lerch: Bäckermeisterinnen sind noch eher selten. Es ist ein handwerklicher Beruf, ohne Ehrgeiz, Fleiß und Disziplin funktioniert da gar nichts. Ich habe zum Beispiel eine produktive Arbeitswoche von 80 Stunden, die Büroarbeit nicht mitgerechnet. Ich habe die Gesellenprüfung als Innungsbeste abgeschlossen, das war für mich ein Ansporn, weiterzumachen.

Auch das Angebot an der Brottheke ist gewissen Trends unterworfen. Was ist in diesem Jahr der große Renner?

Lerch: Das Eiweißbrot hat ausgedient. Der Trend geht wieder hin zum Dinkel, das wird in den kommenden zwei Jahren sicherlich aktuell bleiben. Auch Roggenmischbrote und Vollkornprodukte gehen eigentlich immer.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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