Die Drei Musketiere: Viel Beifall für schmissige Inszenierung der Familie Lechtenbrink

Vier Degen für die Liebe

Vier Pfundskerle fechten für Frankreich: Athos (Julian Weigend), Porthos (Johnny Müller), ihr „Kadett“ D’Artagnan (Jonas Minthe) und

Bad Hersfeld. Musketier müsste man sein! Auch fast 170 Jahre nach dem Erscheinen des Klassikers von Alexandre Dumas hat die Geschichte von den vier Freunden im Dienste des Königs nichts von ihrer abenteuerlichen Faszination verloren.

Es sind aber auch echte Pfundskerle, die Regisseur Volker Lechtenbrink und seine Tochter Saskia Ehlers in ihrer Bühnenfassung des Romans durch die Stiftsruine wirbeln lassen: Athos (Julian Weigend), Porthos (Johnny Müller), Aramis (Parbet Chugh) und ihr „Kadett“ D’Artagnan (Jonas Minthe) fechten furios, singen schnulzig-schön und lieben lustvoll-leidend.

Liebe und Leidenschaft

Die eher triviale Geschichte um den jungen Gascogner D’Artagnan, der nach Paris geht, um dort in die Elitetruppe des Königs aufgenommen zu werden, ist aus unzähligen Filmen hinlänglich bekannt. Es geht um Intrigen, Liebe und Leidenschaft vor dem Hintergrund eines heraufziehenden Krieges, der dem dekadenten französischen König (köstlich gespielt von Thomas Gimbel mit Rauschgold-Engelsfrisur) die Langeweile vertreiben soll, derweil seine Königin mit dem Feind fraternisiert.

Das Autorenduo hat den Klassiker gründlich entstaubt, in heutig-deftige Sprache übersetzt und mit vielen Anspielungen versehen. Die schmucken Musketiere erinnern in ihren Kostümen (liebevoll bis ins Detail von Michaela Barth) an Johnny Depp in „Fluch der Karibik“. Sie singen Lieder von der mexikanischen Revolution, und auch die berühmte Titanic-Szene darf natürlich nicht fehlen.

Dabei balanciert das Stück oft hart an der Grenze zum Klamauk. Dank der starken schauspielerischen Leistung des bis hin zu den Statisten vom Chorverein hochkarätig agierenden Ensembles gelingt diese Gratwanderung. Die vier Musketiere bilden dabei gleichsam die famose „Degenspitze“. Aber eigentlich spielt hier wahrhaftig einer für alle. Und alle für einen.

Neben den Musketieren brilliert vor allem Birthe Gerken in der Rolle der Lady De Winter als berechnende Verführerin mit Eisaugen. Geschickt setzt sie ihre Reize ein, um ihre Intrigen zwischen den Königreichen Frankreich und England zu spinnen. Sie versprüht gekonnt so viel kühle Erotik, dass die (männlichen) Zuschauer ganz kribbelig werden.

Der heimliche Star des Stücks ist aber ein wahrer Engel: Sophie Lechtenbrink, der das Talent in ihrer Schauspielerfamilie wohl schon in die Wiege gelegt wurde, hüpft als D’Artagnans Schutzengel Centime wie ein fröhlicher Flummi über die Bühne und ist eine echte „Erscheinung“, wie Porthos staunend feststellt.

Das Quartett der FamilieLechtenbrink komplettiert ihre Stiefschwester Emily Roberts, die als schöne Constance Bonnacieux D’Artagnans Herz erobert, aber auch ordentlich austeilen kann. Die beiden jungen Frauen sind das warmherzig-weibliche Gegengewicht zur eiskalten Lady De Winter.

Doch obwohl Schutzengel Centime permanent rennt, rutscht und springt, erfüllt sie ihre eigentliche Funktion als Erzählerin, die die Story beschleunigen soll, nur bedingt. Zweieinhalb Stunden brauchen die Musketiere trotz ihres himmlischen Beistands, bevor die Bösen besiegt und Frankreichs Ehre gerettet ist. Die Länge verzeiht der Zuschauer aber angesichts der flotten Inszenierung. Vor allem die akrobatisch anmutenden Kampfszenen, die Fechtmeister Klaus Figge einstudiert hat, sorgen für atemloses Tempo – bis in die Badewanne.

Zehn Minuten Beifall

Dazu trägt auch die geschickt eingespielte Musik bei, die wie sonst nur im Film die passenden Stimmungen erzeugt. Da dröhnen Kriegstrommeln, mal schmettert die englische Hymne, dann tingelt das Pariser Trottoir.

Am Ende lässt das Premierenpublikum in der leider bei weitem nicht ausverkauften Stiftsruine trotz später Stunde die Darsteller erst nach rund zehn Minuten Beifall und stehenden Ovationen von der Bühne. Als dann die Musketier-Filmmusik „All for Love“ die Zuschauer in die Nacht begleitet, mag man den Schlussworten von Porthos nur beipflichten: „Das schönste Abenteuer von allen.“

Von Kai A. Struthoff

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