Interview mit Sahin Cenik, Vorsitzender des Ausländerbeirats Bad Hersfeld

„Viel kaputt gemacht“

Betrachten die aktuellen Diskussionen mit Sorge: Sahin Cenik (links) ist seit über 20 Jahren im Ausländerbeirat der Stadt Bad Hersfeld engagiert und dessen Vorsitzender. Hamit Tas gehört dem Beirat ebenfalls an. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Anschläge im Namen des Islams, Kundgebungen gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes, eine wachsende Zahl von Flüchtlingen verschiedener Kulturen und Religionen – wir sprachen mit Sahin Cenik, dem Vorsitzenden des Ausländerbeirats Bad Hersfelds, über die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen für ein friedliches Miteinander.

Machen Sie sich Sorgen, dass die Vorurteile allem Fremden gegenüber wieder zunehmen könnten? 

Sahin Cenik: So etwas macht viel kaputt. Ich fürchte Nachteile für Migranten, egal welchen Glaubens. Die Menschen haben Angst, und es ist wichtig, dass sich jetzt auch die islamischen Vereine und Gemeinden eindeutig positionieren und die Anschläge verurteilen. Manche sagen zwar, dass solche Taten nicht in Ordnung sind, aber meinen gleichzeitig, dass die Karikaturisten nicht das Recht hatten, sich über den Propheten lustig zu machen.

Mit Sorge betrachte ich auch die Entwicklungen in meinem Heimatland, der Türkei, mit seinem Präsidenten Erdogan. Auch dort wird zum Beispiel die Presse- und Meinungsfreiheit eingeschränkt.

Ist das friedliche Miteinander der Religionen und Kulturen in Gefahr? 

Cenik: Auf jeden Fall. Viele lassen sich verunsichern und den verschiedenen Gruppierungen geht es eigentlich nur um Macht.

Ich verfolge die Diskussionen in den Fernsehtalkrunden und frage mich, was Pegida oder auch die AfD eigentlich wollen. Wo soll das hinführen? Anstatt den Dialog zu fördern, werden die Menschen gegeneinander aufgehetzt. In der Kneipe am Stammtisch wird über so etwas geredet.

Haben Sie selbst denn schon Vorurteile oder Fremdenfeindlichkeit erlebt? 

Cenik: Die Mitglieder des Ausländerbeirats bekommen regelmäßig Briefe oder E-Mails mit rassistischen Inhalten oder Drohungen. Meist dann, wenn wir mit einem Thema in der Öffentlichkeit präsent sind. Auch bei der Wohnungssuche haben Migranten oder Mitbürger mit ausländischen Wurzeln es oft schwerer. Wenn ich mich als Herr Müller auf eine Annonce melde, ist die Wohnung noch frei, aber wenn ich mich mit Cenik melde, nicht.

Vor kurzem hat der Ausländerbeirat zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund einen Workshop gegen „Stammtischparolen“ angeboten. Wie reagieren Sie auf rassistische Äußerungen? 

Cenik: Man muss miteinander reden und versuchen, sein Gegenüber zu überzeugen und sich fragen, warum jemand so eine Meinung hat. Ich sehe zwar anders aus, denke aber vielleicht genauso wie mein Gegenüber. Ignorieren bringt nichts. In Bad Hersfeld leben immerhin über 60 Nationalitäten zusammen.

2013 ist die Einrichtung eines runden Tischs zum interreligiösen Dialog unter anderem daran gescheitert, dass die Stadt die dafür beantragten 500 Euro abgelehnt hat. Fühlen Sie sich ausreichend unterstützt? 

Cenik: Ja. Wir bekommen ja zum Beispiel unsere Räume zur Verfügung gestellt und dürfen wie jede andere städtische Institut auch städtische Räume für Veranstaltungen nutzen. In manchen Dingen fühlen wir uns allerdings nicht richtig oder rechtzeitig informiert. Aktuell ist das mit der geplanten Flüchtlingsunterkunft an der Berliner Straße so.

Soll es denn einen neuen Versuch geben für so einen runden Tisch?

Cenik: Auf jeden Fall. Wir wollen Vertreter der drei großen Religionen Christentum, Judentum und Islam an einen Tisch holen, uns austauschen und nach Gemeinsamkeiten suchen. Wenn wir qualifizierte Referenten einladen wollen, kostet das aber auch Geld.

Wie kann Ihrer Meinung nach ein friedliches Miteinander gelingen? 

Cenik: Wir müssen alle offen sein, aufeinander zugehen und miteinander sprechen. Es sind alle angesprochen. Die Politiker, die Vereine, die Bürger mit ausländischen Wurzeln und die Nichtausländer.

Aktuell sehen wir, dass sich gerade junge Menschen mit Migrationshintergrund abkapseln, radikalisieren und Anerkennung suchen, wenn ihnen eine Perspektive fehlt. Für entsprechende Programme und Projekte müssen unsere Politiker Geld bereitstellen.

Inwiefern ist der Ausländerbeirat auch mit den Flüchltingen im Kreis befasst? 

Cenik: Wir versuchen alle ausländischen Mitbürger zu berücksichtigen und wenn es ein Problem gibt, helfe ich gerne. Auch wenn es nicht speziell um Bad Hersfeld geht. In Bad Hersfeld ist es uns zum Beispiel seit längerem ein Anliegen, wie gerade die Frauen und Kinder von der Gemeinschaftsunterkunft am Wehneberg zu Fuß sicher in die Stadt kommen, dort oben gibt es nicht mal einen Bürgersteig.

Zu der geplanten, neuen Unterkunft an der Berliner Straße haben wir in Kürze ein Gespräch mit der zuständigen Kreisbeigeordneten Elke Künholz. Wir sehen das kritisch und favorisieren dezentrale Lösungen in den Ortskernen, das würde auch die Integration erleichtern.

Wäre ein solches Gremium wie der Ausländerbeirat auch auf Kreisebene erforderlich? 

Cenik: Ja. Allerdings müssten dann natürlich auch genügend Menschen da sein, die sich engagieren wollen. Wir wollen den Ausländerbeirat der Stadt Bad Hersfeld mit der nächsten Wahl im November von 15 auf neun Mitglieder verkleinern, weil es immer schwieriger wird, Nachwuchs zu finden.

Zur Person: Sahin Cenik ist 49 Jahre alt, kommt aus der Türkei und lebt seit seinem siebten Lebensjahr in Bad Hersfeld. Seit einigen Jahren hat der die deutsche Staatsangehörigkeit. Mit Unterbrechung ist Cenik seit fast 20 Jahren Vorsitzender des Ausländerbeirats der Stadt Bad Hersfeld. Er arbeitet bei Performance Fibers, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Alevit, eine muslimische Richtung, die keine strengen Vorschriften hat. (nm)

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