HZ-Interview mit Dieter Wedel – Intendant zieht erste Bilanz und räumt Fehler ein

„So viel Begeisterung!“

Ein wahrer Sommernachtstraum: Der stimmungsvoll beleuchtete Park rund um die Stiftsruine kommt bei den Besuchern gut an. Foto: Thomas Landsiedel

Bad Hersfeld. Halbzeit bei den Bad Hersfelder Festspielen. Alle Premieren sind inzwischen gut über die Bühne gegangen. Festspiel-Intendant Dieter Wedel zog im Interview mit Kai A. Struthoff und Karl Schönholtz eine erste Bilanz.

Herr Wedel, wie lautet Ihr vorläufiges Fazit nach den ersten fünf Festspielwochen?

Dr. Dieter Wedel: Ich bin zufrieden. Und das nicht nur unter Berücksichtigung der Umstände, unter denen wir hier angefangen haben. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass ich nach meiner eigenen Inszenierung noch so viel arbeiten musste. Joern Hinkel hatte mir nach dem Ausfall meines Hauptdarstellers sehr bei der „Komödie der Irrungen“ geholfen und war deshalb unverschuldet selbst ins Hintertreffen gekommen. Deshalb habe sowohl bei den „Sommernachts-Träumereien“ als auch bei der „Eule“ eingegriffen, korrigiert und geholfen. Das war anstrengend.

Beobachter haben Ihr Eingreifen als sehr massiv empfunden und Ihr Auftreten als sehr dominant. War das nötig?

Wedel: Ein Regisseur muss sich damit abfinden, dass er nicht „Everybody’s Darling“ sein kann. Man muss manchmal auch jemand auf den Fuß treten. Wir machen ja keinen Betriebsausflug, sondern es ist harte Arbeit, und es geht um viel Geld.

Die Sommernachts-Träumereien haben dann ja durchweg gute Kritiken erhalten....

Wedel: Entschuldigen Sie, wenn ich unterbreche. Ich lese seit 15 Jahren keine Kritiken mehr. Erst irgendwann später lese ich die Kritiken und nehme gute Hinweise dann auch gern auf. Theaterkritiken sind wichtig, denn wir brauchen ein Korrektiv. Aber das Feuilleton hat seinen Niedergang zum Teil selbst verschuldet, weil es zu viel Theaterpolitik gemacht hat.

Die Kritiken für Ihre „Irrungen“ waren durchwachsen. War es ein Fehler, eines der schwächsten Stücke von Shakespeare für Ihre wichtige erste Premiere in Bad Hersfeld zu wählen?

Wedel: Wieso? Das Stück läuft doch sehr gut. Mir hat neulich ein Hotelier gesagt, die Reaktionen seiner Gäste und das, was in der Zeitung steht, gehen weit auseinander. Seine Gäste jedenfalls wären begeistert. Ich wollte hier ein Stück zeigen, das noch nicht alle kennen. Außerdem ist selbst das schwächste Stück von Shakespeare immer noch stärker als viele Stücke anderer Autoren.

Was werden Sie nach den ersten Erfahrungen in Bad Hersfeld anders machen?

Wedel: Ich will zunächst mal sagen, was gut funktioniert. Zum Beispiel die neue Tribüne, die sehr gut angenommen wird. Ich bin dem Magistrat, über den ich ja auch manchmal geschimpft habe, sehr dankbar, dass er den Tribünenumbau ermöglicht hat. Auch der erleuchtete Park kommt gut an, ebenso wie die „echte“ Open-Air-Bühne im Park. Dort kann man hoffentlich in Zukunft auch mal Stücke machen, die stärker polarisieren.

Wie war die Zusammenarbeit mit Holk Freytag?

Wedel: Bei ihm habe ich natürlich nicht in die Regiearbeit eingegriffen, das gebietet schon der Respekt. Ich habe ihm nur ein paar Ratschläge gegeben, mehr nicht. Es war die richtige Entscheidung, ihn hier „Den zerbrochnen Krug“ inszenieren zu lassen. Die Zusammenarbeit mit Holk Freytag hat gut funktioniert hat. Er hat sich an alle Verabredungen gehalten und ich auch. Wir planen, dass Holk Freytag im übernächsten Jahr hier wieder inszeniert.

Und was hat nicht so gut funktioniert?

Wedel: Meine Entscheidung, die Stücke in Blöcken zu spielen, war falsch. Ich hatte nicht bedacht, dass die Hotels ganze Kontingente kaufen und an ihre Gäste weitergeben. Die Hoteliers haben dadurch einen Verlust, obwohl insgesamt die Zahl der Besucher gestiegen ist. Das werden wir daher im kommenden Jahr ändern. Außerdem hätte ich sicher von Anfang an manches stärker kontrollieren müssen. Aber ich war halt viel unterwegs, um die Dinge zum Laufen zu bringen. Anfangs haben wir uns hier ja wie im Nebel bewegt.

Ein zentrales Thema ist die Oper. Wie geht es da weiter?

Wedel: Die Grundlage für ein vertrauensvolles Gespräch ist stark gefährdet. Wir verhandeln jetzt seit Februar und fangen immer wieder bei null an. Der Arbeitskreis für Musik hat die gleiche Taktik wie Varufakis und Tsipras. Ich würde hier ungern zur Verfügung stehen, wenn die Festspiele nicht zukünftig in den wettersicheren Monaten Juli und August stattfinden können. Im Moment fangen wir einfach zu früh an. Ich bin außerdem nicht bereit, für eine Qualität, wie sie dort offenbar geboten wird, meinen Namen zu geben. Ich bin aber sehr gern bereit, diese unglaubliche Leidenschaft der Menschen für die Musik weiter zu fördern. Ich habe allen die Hand gereicht. Wer sie nicht nimmt, muss das selbst verantworten.

Sie haben mehrfach betont, dass der Etat der Festspiele äußerst knapp ist. Brauchen Sie im kommenden Jahr mehr Geld von der Stadt oder bringen das die versprochenen Sponsoren?

Wedel: Mit den Sponsoren läuft es ganz gut, obwohl ich bisher nur wenig Zeit hatte, um mit ihnen zu verhandeln. Aber die veränderte Stimmung in Bad Hersfeld wird auch von Sponsoren wahrgenommen. Deshalb bin ich zuversichtlich, noch mehr neue Sponsoren gewinnen zu können. Außerdem gibt es auch Überlegungen der Landesregierung, einen „Freundeskreis der Festspiele“ zu bilden. Das wäre wichtig, um die Festspiele tatsächlich zum kulturellen Leuchtturm des Landes zu machen. Ob ich womöglich trotzdem mehr Geld von der Stadt brauche, kann ich im Moment aber noch nicht sagen.

Welche Stücke werden wir im nächsten Jahr in der Stiftsruine sehen?

Wedel: Auch das kann ich noch nicht genau sagen. Das liegt auch daran, ob es mir gelingt, bestimmte Schauspieler zu verpflichten. Aber wir werden uns thematisch mit der Frage „Was ist deutsch?“ und mit der Religion auseinandersetzen. Das werden sowieso die großen Auseinandersetzungen der nächsten Jahre sein.

Wenn Sie all das, was Sie inzwischen über die Bad Hersfelder Festspiele wissen, schon vorher gewusst hätten: Wären Sie dann auch gekommen.

Wedel: (wie aus der Pistole geschossen) Ja! Denn die Leute hier sind einfach toll. Diese Begeisterung für die Festspiele! Ich werde von so vielen Menschen auf der Straße angesprochen. Außerdem habe ich hier wirklich engagierte Mitarbeiter. Und natürlich die Ruine!

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