Opernfestspiele 2014: Giuseppe Verdis „Aida“ feiert heute Abend Premiere

Verhängnis und Verklärung

Heute Abend feiert Giuseppe Verdis „Aida“ Premiere in der Bad Hersfelder Stiftsruine mit Barbara Buffy als Amneris. Foto: Landsiedel

Bad Hersfeld. Ein zartes Orchestervorspiel (Preludio) zu Beginn, ein ebenso zart gesungenes „Pace, pace“ am Schluss. Mit einer Friedensbitte in Ges-Dur der ägyptischen Prinzessin Amneris endet die Oper „Aida“. Als Teil der rächenden Macht bittet die Pharaonentochter für ihre Sklavin und Feindin, die gefangene äthiopische Königstochter Aida, und deren Geliebten, den ägyptischer Militärchef Radamès, den Amneris selbst liebt. Ihn verurteilt das Femegericht der Priester für seinen Kriegsgeheimnisverrat zum Tod. Lebendig wird er in ein unterirdisches Gewölbe eingemauert. Aida ist ihm heimlich und freiwillig in die Gruft gefolgt, um mit ihm friedlich im Jenseits vereint zu sein. Amneris außerhalb der Mauern aber weiß, dass sie im Weiterleben keinen Frieden finden wird.

So sanft der Komponist Anfang und Ende ausprägt, so heftig toben dazwischen Kampf und Leidenschaft. Alles, was die Oper in ihrer 400-jährigen Geschichte umtreibt zwischen Liebe und Hass, Dekorationslust, Massenszenen und Einzelschicksal, ist hier in zweieinhalb Stunden zusammengedrängt. Unter Verdis 28 Opern ist „Aida“ die drittletzte, rangiert in der Publikumsgunst aber vor den beiden folgenden Meisterwerken „Otello“ und „Falstaff“. Unter den früheren Stücken ist wohl nur die „Traviata“ so beliebt wie die „Aida“.

Geplanter Welterfolg

Der Welterfolg schien geplant. In dem Bestreben, sein rückständiges Land wirtschaftlich und kulturell nach vorn zu bringen, förderte der ägyptische Vizekönig Ismail Pascha seit 1863 nicht nur den Bau eines Eisenbahn-, Straßen- und Telegraphennetzes, sondern auch den des Suezkanals und des ersten afrikanischen Opernhauses in Kairo. Beide, Kanal und Oper, sollten repräsentativ eingeweiht werden, am besten mit einer Novität des berühmten Mittfünfzigers Giuseppe Verdi (1813-1901).

Der ziert sich anfangs, stellt enorme Honorarforderungen, willigt endlich doch ein. Ein Exposé des französischen Ägyptologen Auguste Mariette arbeitet der Pariser Theatermann Camille du Locle zum Szenarium aus und Verdis Landsmann Antonio Ghislanzoni dann zum Opernlibretto. Die Uraufführung findet schließlich am 24. Dezember 1871 statt – in Abwesenheit Verdis.

Mit der vieraktigen „Aida“ hat Verdi den Zenit seines Schaffens erreicht: die absolute Geschlossenheit der Form, die intensive Verschränkung des Gesangs mit der dramatischen Situation, die Emanzipation des Orchesters von stereotyper Begleitung zu psychologischer Situationsschilderung, eine Klanglichkeit von berührender, bedrückender, erhebender Prägnanz. Zwischen Liebe und Hass, Verhängnis und Verklärung, Triumphmarsch und Finalduett scheint es keine Brücke zu geben. Und doch: Wer diese Oper auf sich wirken lässt, spürt etwas von musikalisch-theatralischer Wahrheit, fühlt sich aufgehoben in einem Stück Welttheater, das, wenngleich erfunden, jeden betrifft und bewegt.

Von Siegfried Weyh

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