250 Dinge, die wir an der Region mögen (139): Versteckter Schuster

Die urige Werkstatt

Auch noch im Rentenalter repariert Schuster Peter Hessler (rechts) in seiner urigen Werkstatt die Schuhe seiner Kundschaft. Hin und wieder erhält er auch Besuch von einem guten Freund. Foto: Meyer

Rotenburg. Wer den Weg in die versteckte, nur einen guten Meter breite Gasse Hinter der Stadtmauer nahe des alten Rotenburger Untertors findet, an dem in Bronze gravierten Rotenburger Wappen Halt macht und durch die niedrige Tür daneben tritt, der geht durch ein Tor in eine vergangene Zeit. Der 66-jährige Rotenburger Peter Hessler betreibt hier eine urige Schusterwerkstatt.

Die Zeit ist hier nicht stehen geblieben, sie verläuft nur langsamer. Die Dielen am Boden glänzen speckig, ein kleiner Werkstatt-Ofen spendet im Winter mollige Wärme. In der Mitte steht ein kniehoher Tisch, auf dem Werkzeuge liegen. Peter Hessler sitzt auf einem dreibeinigen Schusterhocker, mustert und befühlt einen ledernen Frauenschuh. Auf Stühlen und Hockern um ihn herum sitzen Männer und unterhalten sich lebhaft. Peter Hessler muss von der Arbeit ablassen und sich vor Lachen den Bauch halten.

Drehen wir die Zeit ein halbes Jahrhundert zurück. In der Werkstatt verändert sich nicht viel: Der selbe Tisch steht in der Mitte des Raums, an den Wänden die selben Regale, dieselbe Singer-Nähmaschine steht in der Ecke, und auf den Stühlen und Hockern ringsum sitzen auch Männer und unterhalten sich. Peters Vater Martin Hessler hatte die Werkstatt 1933 als 19-Jähriger gegründet.

Vergilbtes Papier

Nach Martin Hesslers Tod 1992 fand Peter Hessler in der Werkstatt einen auf vergilbtes Papier geschriebenen Lebenslauf seines Vaters aus dem Jahre 1954. Darin heißt es: „Ich habe einen sechsjährigen Sohn, welcher meinen Betrieb später mal übernehmen soll.“ Das Rührende ist, dass Martin Hessler seinem Sohn gegenüber diesen Wunsch nie geäußert hat. „Der Vater hat gemerkt, dass ich kein Interesse hatte, da hat er mich Glaser lernen lassen“, sagt Hessler und fügt knapp hinzu: „Ich hatte sehr gute Eltern.“

Das Interesse kam dann aber doch, als Peter Hessler 35 Jahre alt war und schon als Glaser arbeitete. Ein Jahr lang setzte er sich abends und am Samstag zum Vater in die Werkstatt und lernte die Grundfertigkeiten: Sohlen erneuern, Absätze reparieren, Nähte ziehen.

Nach dem Tod des Vaters führte Hessler die Werkstatt nach Feierabend weiter, seit 2005 ist er Rentner. Die Zeiten haben sich doch irgendwie geändert, hat Hessler festgestellt: „Wenn einer einen Schuh für zehn Euro kauft, dann bringt er ihn nicht zur Reparatur.“ Nur die teuren Schuhe werden repariert.

Und Hesslers Kunden wissen, dass sie solide Arbeit bekommen.

Von Achim Meyer

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