Montagsinterview: Kreisbrandinspektor Weingarten kritisiert Gaffer bei Großbrand

„Unterste Schublade“

Großbrand im Sägewerk Hahn: Die Feuerwehr hatte nicht nur mit den Flammen zu kämpfen, sondern auch mit einigen Schaulustigen. Manche wollten ganz nah dabei sein und blockierten die Zufahrt für die Feuerwehrfahzeuge. Foto: Meyer

Hersfeld-Rotenburg. Als vorige Woche das Rotenburger Sägewerk brannte, wollten einige Schaulustige ganz nah dabei sein. Über ihr Verhalten ist viel diskutiert worden. Wir sprachen mit Kreisbrandinspektor Jürgen Weingarten über die Gaffer.

Herr Weingarten, beim Großbrand haben Schaulustige die Feuerwehr behindert. Wie haben Sie die Situation erlebt?

Jürgen Weingarten: Als ich auf dem Weg zum Brand war, musste ich selbst warten, bis ein Gaffer mit seinem Handy ein Foto gemacht hatte, ehe er aus dem Weg ging. Dass ich mit Sondersignal hinter ihm stand, hat ihn nicht gestört. Das ist schon sehr lästig. Besonders schlimm ist auch, dass einige mit ihrem Auto am liebsten bis zum Feuer fahren wollen und uns die Zufahrt blockieren.

Haben Sie das schon häufiger erlebt?

Weingarten: Dieses Problem haben wir leider bei allen Großschadensereignissen. Deshalb hake ich das inzwischen ab, weil ich weiß, dass wir es kaum ändern können. Diese Leute sind beratungsresistent. Wenn man sie wegschickt, sind sie ein paar Minuten später wieder nah dran. Und beim nächsten Großbrand sind es dann andere, die sich so unvernünftig verhalten.

Bürgermeister Grunwald hat die Gaffer Idioten genannt. Wie würden Sie sie bezeichnen?

Weingarten: Ich bin dankbar, dass ein Politiker so klar Stellung bezogen hat. Gaffen ist unterste Schublade. Bordsteinkommandant ist da noch eine viel zu harmlose Bezeichnung. Das gilt natürlich nicht für diejenigen, die ausreichend Abstand wahren und aus der Ferne zuschauen. Wobei wir ja extra übers Radio warnen, zu Hause die Fenster zu schließen.

Die Gaffer bringen sich aber auch selbst in Gefahr. Warum?

Weingarten: Sie sind meistens dunkel angezogen und werden in der Nacht kaum wahrgenommen. Wenn wir mit unseren großen Fahrzeugen in der Hektik des Einsatzes rangieren müssen, ist das ein ungeheures Risiko. Außerdem ist es ja nicht nur unmittelbar am Feuer gefährlich. Beim Brand des Leergutlagers der Firma Leiter im Jahr 2000 in Obersuhl sind explodierte Bierfässer bis zu 300 Meter weit geflogen.

Diesmal sind nur Öltanks geborsten, ohne größeren Schaden anzurichten. Die Schaulustigen haben das aber mit Applaus quittiert, was viele empört hat. Bekommen das ihre Leute im Einsatz mit?

Weingarten: Nein, dafür sind die Schaulustigen doch zu weit weg. Außerdem konzentrieren sich die Feuerwehrleute ganz auf ihre Aufgabe. Deshalb ist das ständige umfassende Training so wichtig.

Es gab am Dienstag auch Nachbarn, die haben Getränke und Essen gebracht.

Weingarten: Das erleben wir ebenfalls bei allen längeren Einsätzen. Das ist sehr positiv und bleibt bei den Feuerwehrleuten auch eher im Gedächtnis als der Ärger mit den Gaffern. Zumal es bei einer Einsatzdauer von mehr als drei Stunden unheimlich wichtig ist, dass die Atemschutzträger genug trinken und etwas essen. Ich sehe es deshalb so, dass die Nachbarn aktiv mit ihren Mitteln helfen, den Schaden zu bekämpfen – und sei es mit einer Tasse Tee oder einem Wurstbrot.

Gibt es besondere Ereignisse, an die Sie sich erinnern?

Weingarten: Ganz viele. Die alten Hasen in der Feuerwehr schwärmen noch Jahre später davon, was es bei einem Einsatz zu essen gab. Die kleinen Dörfer sind die besten, denn da gibt’s Geschlachtetes. Foto: zwa

Von Marcus Janz

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