Festspielkonzerte: Der Knabenchor Capella vocalis Reutlingen in der Stiftsruine

Unterm sanften Gesetz

Der Knabenchor Capella vocalis aus Reutlingen bei seinem Auftritt in der Stiftsruine. Foto: Gerhard Manns

Bad Hersfeld. Noch einmal, zum fünften Mal in Folge, Chormusik bei den 52. Festspielkonzerten, diesmal vom Knabenchor. Nachdem die Capella vocalis aus Reutlingen am Samstag weltliche Gesänge bis hin zu Volkslied und Popsong durch die Stiftsruine hatte schallen lassen, gab es am Sonntagnachmittag ein geistliches Programm, doch auch das auf Freude und Frohlocken gestimmt.

1992 wurde die Capella vocalis von Eckhard Weyand, einem schon damals bekannten Chorpädagogen, gegründet. Weit über 100 junge männliche Sänger proben zweimal pro Woche an zwei Stützpunkten im nördlichen und mittleren Württemberg (Besigheim, Reutlingen), Stimmbildung und allgemeiner Musikunterricht ergänzen das Singpensum. Die Besten dürfen auf Reisen gehen, nach Bad Hersfeld kamen 44, 26 Knaben und 18 junge Männer. 2013 tritt ein neuer Chorleiter sein Amt an.

Gemeinsame Linie

Weyand scheint – anders als mancher Leiter eines Traditions-Knabenchores – das sanfte Gesetz zu bevorzugen: Seine Schützlinge wirken nicht domestiziert, gar dressiert. Exaktheit, Homogenität, Plastizität des gesanglichen Vortrags äußern sich als Ergebnis einer gemeinsamen Linie, die Verständnis und Einsicht voraussetzt. Am ehesten geschieht noch die beeindruckende gemeinsame Verbeugung „auf Kommando“.

Chöre müssen sich heute nicht mehr durch alte, kunstvolle Polyphonie hindurchschlagen, sie haben ein hörverträgliches, kurzweiliges modernes Repertoire, geschaffen hauptsächlich von britischen, skandinavischen und baltischen Komponisten. Hier waren die Missa op. 102 von Knut Nystedt, ein Vaterunser von Trond Kverno und eine ebenfalls lateinische Vertonung des 98. Psalms „Singet dem Herrn ein neues Lied“ von Vytautas Miskinis die Beispiele, die auch das Leistungsvermögen eines gut geschulten Knabenchores exakt abrufen.

Für das 19. Jahrhundert standen der Psalm 95 „Kommt herzu, lasset uns dem Herrn frohlocken“ des Berliner Domkapellmeisters Albert Becker sowie die beiden viel gesungenen Motetten „Locus iste“ von Anton Bruckner und „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ (Psalm 100, op. 69 Nr. 2) von Felix Mendelssohn als ebenso klangvolle wie klangsensible Vorzeigestücke.

„Jesu, meine Freude“ BWV 227, die umfangreichste und gehaltvollste der sechs Bach-Motetten, kam bei den Reutlingern ohne aufgesetzte Dramatik daher, hatte sanften Fluss und war betont hell gestimmt. Nur blieb – angesichts der Fünfstimmigkeit und des Verzichts auf mitgehende Instrumente – die Gefahr der Intonationstrübung und Kurzatmigkeit nicht ganz außen vor.

Zwei Zugaben

Zwei Zugaben – Rudolf Mauersbergers Dresden-Motette „Wie liegt die Stadt so wüst“ und der Bach-Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ –, dazu viel Beifall der etwa 200 Zuhörer und sommerliche Blumen, bevor nun für fünf Wochenenden die Instrumente im J.S. Bach-Haus das Sagen haben.

Von Siegfried Weyh

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