Cembalo-Suiten und der Violin-Himalaya bei den Karsamstagkonzerten der Bachtage

Universum in einer Geige

Laura Zarina aus Lettland. Foto: von Trott

Bad Hersfeld. Mag Gewohnheit uns im Alltag oft lähmen, zu Ostern treibt sie an. Zum Beispiel das Interesse an Bachs Musik, die so viel Erkenntnis und Wohlgefühl vermittelt, dass sie einfach Teil der Neuschöpfung im Frühling wird. Zum 38. Mal finden die Internationalen Bachtage in Hessen und Thüringen statt – über zweieinhalb Wochen mit vier Programmen und 22 Aufführungsterminen an 16 Orten zwischen Bensheim und Weimar. Im Johann-Sebastian- Bach-Haus Bad Hersfeld bekam am Karsamstag wie üblich die Instrumentalmusik Raum mit zwei solistischen Programmen.

Seine Erkundung des Bach’schen Tastenkosmos’ setzte am Nachmittag Dr. Christoph Bergner, der südhessische Pfarrer, Wissenschaftler und Musiker, fort mit dreien der sechs Englischen Suiten für Cembalo: A-Dur, g-Moll und e-Moll BWV 806, 808 und 810. Bergner, vom Habitus her kein Tastenvirtuose, lässt die Musik ganz für sich sprechen, wohl formuliert und wohl tönend. Er breitet sie nicht demonstrativ und genüsslich aus, gliedert und komprimiert sie vielmehr, pointiert sie auf diese Weise, auch durch den Verzicht auf manchen Wiederholungsteil.

Sein Spiel durchwallten Unangestrengtheit und Gelassenheit – wie auf der Oberfläche eines ruhigen Flusses, dessen untergründige Strömung dennoch im Tanz schimmernder, glitzernder Wellen zu spüren ist. Um barocke Tanzformen geht es schließlich auch in den jeweils auf ein Präludium folgenden Suitensätzen. Die Sarabande der a-Moll-Suite BWV 807 als Zugabe für die reduzierte Zuhörerschar.

Das Beste der Bachtage

Auch dem Samstagabend nahm die Frühlingsmilde etliche Besucher. Sie versäumten das Beste dieser Bachtage. Da trat nämlich eine kaum 25-Jährige allein mit ihrer Geige vors Publikum – es hätten 700 statt 70 sein müssen – und bestieg triumphal den Himalaya ihrer Kunst. „Sei Solo“, sechs Solostücke, schrieb Bach schlicht aufs Titelblatt der Werksammlung (drei Sonaten, drei Partiten) für Violine allein BWV 1001-1006.

Man muss wohl so jung sein wie Laura Zarina aus Lettland, so viel Begabung, Können und Selbstvertrauen besitzen, dazu frisch diplomiert sein (von der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler), ein herrlich kraftvolles und geschmeidiges Instrument (Italien 1850) von einem privaten Leihgeber überlassen bekommen und auch von Siegfried Heinrich nachdrücklich gefördert werden, um es, komplett auswendig spielend, mit dieser titanischen Musik aufzunehmen und sie glanzvoll erstrahlen zu lassen, so dass die eineinviertel Stunden in spontane Bravorufe mündeten.

Von der Strenge der einleitenden g-Moll-Sonate BWV 1001 über die berühmte d-Moll-Partita BWV 1004 bis zur ausgelassenen Motorik im Final-Allegro der C-Dur-Sonate BWV 1005 – Laura Zarina bot eine Kunstleistung aus einem Guss. Sie schien bloß einen imaginären Startknopf zu betätigen, um das ganze niemals leer laufende Violin-Universum der vier Saiten in Gang zu setzen.

Eine Himmelsgabe, die Frucht intensivsten Studiums, ein existenzieller Willensakt künstlerischer Selbstbehauptung und Verantwortung? Egal, zu bewundern waren die Energie und Ausdauer, das sanguinische Temperament und die geistige Versenkung, der drängende, doch gezügelte Impuls und die sanfte musikalische Rede, das Auskosten der Harmonie und Präsenthalten der Melodie. All das zeigte sich am nachhaltigsten in den beiden grandiosesten Sätzen, der 34-fach variierten, in ihrer elementaren Gewalt unbegreiflichen, den ganzen Zyklus krönenden Chaconne (Ciaccona) der d-Moll-Partita und der „pfingstlichen“ Fuge der C-Dur-Sonate.

Von Siegfried Weyh

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