Kiewer Knabenchor entzückte bei den Bachtagen 2013 seine Bad Hersfelder Zuhörer

Die ukrainische Passion

Stimmgewaltig: Die Sänger des Kiewer Knabenchores begeisterten das Publikum an Gründonnerstag beim Konzert in der neuapostolischen Kirche in Bad Hersfeld. Foto: Lehn/nh

Bad Hersfeld. Der musikalische Globus kennt weit mehr klingende Landschaften, als wir Zuhörer am Gründonnerstag in der vollbesetzten neuapostolischen Kirche ahnten. Der Kiewer Knabenchor aus der Hauptstadt der Ukraine besuchte Bad Hersfeld und die Internationalen Bachtage erneut und lockte die Besucher mit seinen dynamisch ausladenden und doch hochkultivierten 30 Knaben- und 14 Männerstimmen zu intensiver Anteilnahme und heller Begeisterung.

Ein „stilles“ Konzert

Trotzdem wurde es ein „stilles“ Konzert, passend zur Mitte der Karwoche. Denn die jungen Sänger mit ihrem sachkundigen und fürsorglichen Leiter Ruben Tolmachow und seiner Assistentin Jana Bugaj gewährten einen Einblick in den ganz anderen Gesang der Ostkirche. Obwohl der Chor den hohen Stellenwert des Gotteslobs wahrt, wird Lautstärke durch reine Harmonien, durch den homophonen Satz, durch vorbildliches Ton-in-Ton-Singen abgemildert. Die Sänger erreichen mühelos jeden Hörer auch ohne Fach- und Sprachkenntnisse. Gaben sie sich als Chor doch den sprechenden Namen „Dzvinochok“ (= Glöckchen).

Der erste Programmteil reihte „westliche“, lateinische Beispiele, teilweise aus der Gründonnerstags-Liturgie – etwa ein „Christus factus est“ (Felice Anerio), ein „Crucifixus“ (Antonio Lotti), Anton Bruckners „Locus iste“. Des Chorleiters eigenes „Os justi mediabitur“ leitete über zu orthodoxen Karwochen-Gesängen. In deren Zentrum vier Sätze aus einem der beiden geistlichen Hauptwerke Sergej Rachmaninows: dem 15-teiligen, weit über einstündigen Vespergesang „Das große Abend- und Morgenlob“ op. 37, gewissermaßen einer musikalischen Nachtwache zum Ostermorgen.

Unwiderstehlicher Hörreiz

Wie hier – etwa bei den „Alliluija“-Rufen aus der Seligpreisung „Blazhen muzh“ (Selig der Mann, der nicht folgt dem Rat der Gottlosen) – Klangreichtum, Durchschlagskraft und Tragfähigkeit, der Glanz der Höhenlage und das Brausen der Tiefe zu Mitteln der Verkündigung wurden, das hatte einen unwiderstehlichen Hörreiz und verfehlte auch nicht die Wirkung aufs Gemüt. Mit dem Auferstehungshymnus „Dnes spasenie“ (Heute ist das Heil vollendet) und mit Dmitri Bortnjanskis „Auferstehung Christi“ spannte sich der Bogen zum Osterfest – bevor der 16-jährige Wladislaw, ein Geburtstagskind aus dem Chor, musikalisch hochleben durfte.

Am Ostersonntag, 16 Uhr, singen die Kiewer im Bachhaus Osterkantaten des Thomaskantors (natürlich auf Deutsch), und nächste Woche reisen sie nach Rom weiter, um im Vatikan ein Konzert zu geben.

Von Siegfried Weyh

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