Blick zurück aufs alte Westdeutschland: Das neue Festspiel-Musical überzeugt mit einer schlüssigen Story und geschmeidiger Musik

Überleben in der neuen Republik

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Die Verführerin in Aktion: Bei der ersten Begegnung mit Jo (Christian A. Müller, links) lässt sich Carmen (Anna Montanaro, 2.v.l.) auch von dessen Freundin Marie (Kristin Hölck) nicht stören. Rechts der Mann mit dem Hihn (Livio Cecini). Fotos: Hans-Heinrich Hartmann

Bad Hersfeld. Von den Davongekommenen erzählt das neue Musical der Bad Hersfelder Festspiele, das den Stoff der Oper „Carmen“ in die deutsche Nachkriegszeit verpflanzt hat. Davon gekommen in doppelter Hinsicht: Zum einen sind da die Überlebenden, die Versprengten aus allen Himmelsrichtungen, die im werdenden Westdeutschland nach einer neuen Existenz streben.

Zum anderen thematisiert das Buch von Judith Kuckart die Davongekommenen des untergegangenen Nazi-Regimes, jenen Typus Mensch, der sich aalglatt den jeweiligen Verhältnissen anpasst und immer wieder auf die Füße fällt.

Blick zurück nach vorn

Aus der Rück-Perspektive der untergegangenen DDR blickt die Musical Story auf das Jahr 1948 und die Übriggebliebenen des Weltenbrandes, die sogenannten Displaced Persons in den Lagern und auf dem Schwarzmarkt. Hier ist auch Carmen (Anna Montanaro) zugange, eine Frau mit undurchsichtiger Vergangenheit und der Bereitschaft, auch mit ihrem Körper in die eigene Zukunft zu investieren.

Ohne zu zögern überreicht sie dem schüchteren Beamtenanwärter Jo (Christian Alexander Müller) die Blume der Liebe, die ihm ungleich mehr bedeutet als ihr. Dass Jos Verlobte Marie (Kristin Hölck) daneben steht, stört die Jägerin Carmen nicht weiter.

Als die Verruchte von den anderen Frauen attackiert wird, zückt sie ein Messer und verletzt Marie. Ausgerechnet Jo soll Carmen festnehmen, doch er lässt sie laufen und verlässt damit endgültig den ihm vorgezeichneten Weg.

Letztes Aufbäumen

Jos Abstieg bis ins Rotlicht-Milieu, wo er in grandioser Selbsttäuschung meint, Carmens Mann zu sein, aber nicht mehr als ihr Zuhälter ist und sein letztes Aufbäumen, als er die Geliebte ersticht, um sie nicht zu verlieren („Das hätte ich dir gar nicht zugetraut,“ sagt die Sterbende) – hier zeichnet das Musical die aus der Oper bekannte Handlung in den Grundzügen nach.

Doch das Folkloristische der Vorlage nimmt die Hersfelder Story nur in einigen wenigen spanisch anmutenden Elementen von Tanz und Musik auf – ansonsten ist deutsche Geschichte angesagt.

Die gute, alte D-Mark

In der Apsis erscheinen zur zeitlichen Orientierung nacheinander Hammer und Zirkel, Hakenkreuz, die gute, alte D-Mark sowie die US-Flagge (Bühne: Roy Spahn). Auf bedeutsame Ereignisse wie das Wunder von Bern, den Mauerbau oder Nenas 99 Luftballons weist als Erzählerin die alte Marie (Franziska Weber) hin.

So eilt die Story zwar durch die Jahre, doch die Inszenierung von Nico Rabenald lässt sich ausreichend Zeit für Vertiefung und Differenzierung.

So gibt es im wechselvollen Miteinander der Protagonisten auch zwei sorgfältig herausgearbeitete Konstanten: Der Kommunist mit dem Huhn (Livio Cecini) bleibt sich bis zum Ende treu, nennt Nazis auch unter veränderten Vorzeichen Nazis und kräht nach der Revolution. Und das Pärchen Kati/Karlemann (Maaike Schuurmans/Paul Kribbe) kabbelt und liebt sich in schlechten wie in guten Zeiten in stabiler Zuneigung.

Revueartiger Bilderbogen

Wie von Regisseur Rabenald im Vorfeld versprochen, bekommt das Publikum mit dem revueartigen Bilderbogen eine tolle Show geboten. Da tanzen die Displaced Persons hinterm Bahnhof (einige ausgesprochen originelle Choreographien von Wolf Bader und Gaines Hall), da tritt ein witziges Verkaufsteam vor den Ikonen des Wirtschafstwunderlandes auf, und da kreischt das Publikum (vom Band) zum Auftritt des steppenden US-Stars Johnnie Ray (Gaines Hall).

Höchst vergnüglich

Höchst vergnüglich auch das Lied der selbstgefälligen Honoratioren in Katis Bar („Wir wollen Carmen tanzen seh’n“).

Doch es gibt auch die leisen, anrührenden Momente. Für die ist in erster Linie Kristin Hölck zuständig, die von Jo verlassene und bis zum Ende einsame Marie („Die Frau, die keiner sucht noch flieht“).

An einem solchen Ruhepunkt gelangt aber auch Jo, der ewige Verlierer, zur Erkenntnis, nur Carmens Tanzbär gewesen zu sein, während diese nach Befragen des Karten-Orakels beschließt, dass „sieben gute Jahre besser sind als eine miese Ewigkeit.“

Fotos

Carmen - Ein deutsches Musical

Komponist Wolfgang Schmidtke ist das Kunststück gelungen, die Hersfelder „Carmen“ in Musik aus einem Guss zu kleiden. Georges Bizets Opern-Ohrwürmer werden geschmeidig mit Schmidtkes neuzeitlichen Musical-Themen verwoben. Keine leichte Aufgabe, an der wohl auch bis zuletzt – und mit Erfolg – gefeilt wurde.

Das Orchester unter der bewährten Leitung von Christoph Wohlleben meistert sowohl die klassisch angehauchten Passagen wie die moderneren Elemente mit erkennbarer Spielfreude.

Das Wagnis ist geglückt

Am Ende einer rundum unterhaltsamen Vorstellung spendet das Premierenpublikum ausgiebig Applaus, es gibt sogar stehende Ovationen und Extra-Beifall für Anna Montanaro, Kristin Hölck und Christian A. Müller. Keine Frage: Das Wagnis „Carmen“ ist geglückt.

Von Karl Schönholtz

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