250 Dinge, die wir an der Region mögen (69): Die Wimper, Gericht und Galgengraben

Trügerische Idylle

Am Fuß der „Wimper“ befanden sich Gerichtsstätte und Galgengraben des Dörnberger Gerichts. Gegenüber erhebt sich die Gibcheskuppe. Fotos: Urban

Breitenbach/H. Trillernd steigt eine Lerche in die Luft. Die alte Holzbank ist von Wind und Wetter gegerbt, aber der Platz bietet einen herrlichen Rundblick, und die Sonne wärmt. Am Abzweig zur Ottersbach beginnt der Weg über die Wimper, zweigt nach links ab und verläuft oberhalb der B 62 zwischen Oberjossa und Breitenbach. Die gewundene Steigung bis zur Weggabelung, an der die Bank steht, ist geteert.

Von dort führen ein mit Schlehen gesäumter Wiesenweg parallel zur Bundesstraße geradeaus und ein Feldweg weiter bergauf. Im Westen grüßen sich der Fernsehturm auf dem Rimberg und die Burg Herzberg wie Nachbarn von Haus zu Haus. Im Südwesten schlängelt sich die Landstraße Richtung Lauterbach durch Hatterode, Wallersdorf und Grebenau. Aus den Wiesen und Feldern, die das Jossatal säumen, kriecht die Feuchtigkeit der Nacht. Eine Gabelweihe kreist über der Feldscheune, die kurz vor dem Ortseingang von Breitenbach von der Straße aus sichtbar ist. Alles wirkt ruhig und friedlich, doch die Idylle trügt.

Blutschande und Ehebruch

Auszug aus der „Kriminaluntersuchung wegen des kleinen Enders Schmidt aus Hattenrod Entleibung im Wirtshaus zu Breitenbach durch den Soldat Curt Irmeltraut 1609“ (Dörenbergsches Gericht) Quelle: Staatarchiv Marburg, Bestand: 340 v. Dörnberg, Nr. 201 / Foto:Urban

Um die Scheune herum liegen die Flurstücke „Am Gericht“, unterhalb der B 62 befindet sich der „Galgengraben“. Hier wurde das Todesurteil gegen „Henrich Eckstein aus Hatterodt“ gesprochen und vollstreckt. Er soll mit seiner Stieftochter in Blutschande und Ehebruch zwei Kinder gezeugt haben, von denen er eins getötet und den Hunden zum Fraß vorgeworfen hatte. Dafür wurde 1685 „erst die Weibsperson geköpft, hernach auch er, zweymal im Kreiß mit glühenden Zangen gepfätzt [gehäutet] und auch enthäuptet, und sein Kopf auf einen Pfahl gesteckt“. Die Körper der beiden begrub man unter dem Galgen.

Das Erzbistum Mainz hatte dem Hofmeister Hans von Dörnberg im 15. Jahrhundert die Grafschaft der Burg Herzberg mit dem zugehörigen Gericht als Lehen übertragen. Unter den Dokumenten des Dörnberger Gerichts im Hessischen Staatsarchiv Marburg finden sich viele weitere Prozessakten über Diebstähle, Ehebruch, Raub und Mordfälle, die zwischen 1517 und 1685 nach mittelalterlichem Recht teilweise grausam geahndet wurden. Ein weiterer Fall ist die „Acta inquisitionis betr. die von Johannes Döring von Bernshausen, Amt Schlitz, verübte Wegelagerung und mörderischen Anfall auf Eulalia, Johannes Heimbucher zu Bieben, Amt Grebenau“. Ob dieses Verbrechen an der alten Straße „durch die kurzen Hessen“ auf der gegenüberliegenden Gibcheskuppe verübt wurde?

Niederjossa ist das Zentrum

Der Wald verbirgt die Hügelkuppe und alles, was dort geschehen ist. Ein Auto fährt aus Breitenbach kommend auf der neuen Straße östlich Richtung Oberjossa. Von der Bank aus sind nur einige Dächer zu sehen, aber Niederjossa präsentiert sich im Zentrum des Panoramas. Dahinter überbrücken die Autobahn und die Schnellbahntrasse das offene Tal. Es duftet nach feuchter Erde und frischem Gras und ein Stieglitz singt mit der Lerche um die Wette. (du)

Von Dagmar Urban

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