Bad Hersfelder Festspiele 2011: Umjubelte Premiere von „Sunset Boulevard“

Triumphale Heimkehr

Normas letzter Auftritt: Die dem Wahnsinn verfallene Diva (Helen Schneider), die soeben ihren Liebhaber umgebracht hat, hält die Kameras der Journalisten für ein Film-Team. Fotos:  Ludger Konopka

Bad Hersfeld. Das, was die vergessene Stummfilm-Diva Norma Desmond vergeblich ersehnt, das wurde ihrer Darstellerin Helen Schneider bei der Premiere des Musicals „Sunset Boulevard“ im Übermaß zuteil: Länger als zehn Minuten huldigte das Publikum mit „Standing Ovations“ dem Star einer rundum stimmigen Inszenierung, die Schneider eine triumphale Heimkehr in die geliebte Stiftsruine bescherte.

Tatsächlich schien die Norma-Rolle der in Berlin lebenden New Yorkerin, die sich vor gut zehn Jahren als „Evita“ in die Herzen der Hersfelder Musical-Fans gespielt hatte, auf den zierlichen Leib geschrieben. „Ich bin groß, es sind die Filme, die klein geworden sind“, gibt Helen Schneider zunächst nur eine entrückt-herrische ältere Dame und beschreitet fortan den Weg in den Wahnsinn.

Ein echter Star

Ihre Stimme ist mal zerbrechlich, dann voller Energie und Volumen, ihr Spiel im großen Auftritt wie in der kleinen Geste fein abgestimmt und ausdrucksvoll – ein echter Star eben.

Doch Helen Schneider ist es diesmal nicht alleine, die die Inszenierung trägt. Mit Rasmus Borkowski als Joe Gillis ist der Part des jugendlichen Liebhabers ausgezeichnet besetzt. Der aufstrebende Musical-Man aus Lübeck ist stimmlich vom ersten Ton an eine Bombe. Doch es ist vor allem seine nuancierte Darstellung eines Mannes, der das Leben im goldenen Käfig an Normas Seite mit dem Verlust der Selbstachtung bezahlt, mit der Borkowski uneingeschränkt überzeugt.

Kaum weniger beeindruckend ist die lebende Legende Helmut Baumann als Max, dem liebevollen Hüter von Normas Traumwelt. Wie er die ewige Geliebte zu ihrem letzten Auftritt vor die Kameras dirigiert, das ist einer der berührendsten Momente des Stücks.

Für die neue Musical-Generation steht zudem Wietske van Tongeren mit ihrer eindrücklichen Darstellung der Betty Schaefer, jener jungen Frau, die Joe aus seiner verzweifelten Lage zu retten versucht und sich in ihn verliebt. Van Tongerens Spiel ist jugendlich frisch, ihr Gesang eine Offenbarung.

Regisseur Gil Mehmert hat die über weite Strecken als Kammerspiel angelegte Vorlage mit großen Bildern aufgepeppt: Von der Auto-Verfolgungsjagd im Trockeneis-Nebel über die von Melissa King schwungvoll-perfekt choreographierten Tanzszenen und das Silvester-Feuerwerk in der Apsis bis hin zur grandiosen Szene am Tor der Paramount mit flugs zusammengestelltem Rolls Royce – hier kommt das Auge mit dem Gucken kaum hinterher.

Mitreißende Dynamik

Mehmerts Verdienst ist es zudem, die einerseits komplexe, aber auch extrem verdichtete Story nachvollziehbar aufbereitet zu haben. Dabei hilft die ebenso zweckmäßige wie wirkungsvolle Bühnen-Ausstattung von Heike Meixner mit riesiger Treppe links, wandelbarem Gerüst rechts und der flexibel ausgestatteten Schräge in der Mitte. Für die aufwendigen Kostüme – Norma erscheint in einem halben Dutzend verschiedener Outfits – zeichnete Werner Fritz verantwortlich.

Es ist zudem bei den Festspiel-Musicals fast eine Selbstverständlichkeit, dass das von Christoph Wohlleben geführte Orchester die Bandbreite zwischen mitreißender Dynamik und filigraner Untermalung ausspielt und damit für ein jederzeit verlässliches Sound-Fundament sorgt.

Alles in allem: Man muss die Musicals von Andrew Lloyd Webber nicht mögen, um von dieser „Sunset Boulevard“-Inszenierung restlos begeistert zu sein.

Von Karl Schönholtz

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