Roger Hanschel beglückte in der Martinskirche

Traumwelten aus dem Saxophon

Saxophonist Roger Hanschel bei seinem Konzert in der Bad Hersfelder Martinskirche. Foto: Apel

Bad Hersfeld. Eher ungewöhnlichen Besuch hatte die Martinskirche am späten Samstagnachmittag. Als ihre Glocken den Sonntag einläuteten, war der aus Köln angereiste Saxophonist Roger Hanschel gerade dabei, etwa fünfzig Zuhörer in eine ganz eigene Traumwelt zu entführen.

„Karmic Episode“ lautete der Titel des Soloprogramms, in dem der weit über Deutschland hinaus bekannte Meister des vom Belgier Adolphe Sax erfundenen Instruments alle Register zwischen Komposition und Improvisation zog. Wer ein Thema suchte, hatte es schwer. Wer sich auf seine Musik einließ, wurde mitgenommen – mitunter sogar mitgerissen, denn was der vor fast 50 Jahren in Wolfsburg Geborene an musikalischer Fantasie und technischer Brillanz an den Tag legte, war schier unglaublich.

Hanschel nimmt sein Publikum „in längeren Bögen“ mit auf die Reise. Man meint das Signalhorn eines Dampfers zu hören, ehe sich Töne verselbstständigen, mehrstimmig werden und im von Sichtbeton geprägten, eher sachlichen Inneren der Martinskirche raumausfüllend bis in den letzten Winkel ausbreiten. Schon bald fliegen Hanschels Finger unglaublich schnell über die Griffe seines Instruments und es dauert nicht lange, bis er mit sich selbst spielt. Das geschieht mit Hilfe einer Loop-Station, mit der er im Vortrag kleine, aus mehr oder weniger vielen Tönen bestehende „Schleifen“ gestaltet, aufzeichnet und beliebig lange und immer wieder neu in den Vortrag einspielt. Auf diese Art und Weise erzeugt er Mehrstimmigkeit mit lauten und leisen, begeisternden Nuancen, die den in der ersten Reihe sitzenden Kenner in sich versinken lassen, während zwei etwas weiter hinten sitzende Kinder dazu animiert werden, die gehörten Töne nachzuahmen.

Nach einer Dreiviertelstunde gönnt sich der Künstler eine kleine Verschnaufpause, ehe er sich auf die Suche nach dem Gefühl begibt, das entsteht, wenn man eine Person trifft, die man aus einem früheren Leben zu kennen glaubt. Höchste Töne wechseln sich mit ganz leisen ab, Hanschel vibriert, magnetisiert sein Auditorium und lässt es ahnen, welch ausgefeilte Atemtechnik vonnöten ist, um atmen, gleichzeitig aber auch blasen zu können.

Als alles vorbei ist, spart das Publikum nicht mit Applaus. Pfarrer Karl-Heinz Barthelmes darf zu Recht beglückt sein, dass er es in Kooperation mit dem Buchcafé gewagt hat, sechs Tage nach dem Sonntag Kantate mal nicht zu Bach, sondern zu Hanschel eingeladen zu haben.

Von Wilfried Apel

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