Montagsinterview: Thomas Mühlhausen (GDL) über Tarifverhandlungen und Streik

Traumberuf ist Knochenjob

War Lokführer und ist jetzt freigestelltes Betriebsratsmitglied und Gewerkschaftsfunktionär: Thomas Mühlhausen. Foto:  ank

Bebra. Mit Streiks der Lokomotivführer ist zumindest bis zum 7. Februar nicht zu rechnen. Danach aber drohen Arbeitsniederlegungen, wenn sich Bahn und Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) nicht einigen. Wir sprachen mit Thomas Mühlhausen, freigestelltes Betriebsratsmitglied der DB Schenker Rail Deutschland AG, Mitglied des Aufsichtsrates und Vorsitzender der GDL Ortsgruppe in Bebra.

Herr Mühlhausen, wenn die GDL will, stehen die Räder auf der Schiene still. Die Bahn hat ein Angebot gemacht, das bei Ihrer Konkurrenzgewerkschaft EVG (Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft) auf Zustimmung gestoßen ist. Warum akzeptiert die GDL das Bahn-Angebot nicht?

Thomas Mühlhausen: Das Angebot lautet, dass Bahnbeschäftigte, die aus gesundheitlichen Gründen ihre Tätigkeit nicht mehr ausüben können, im Konzern bleiben, aber deutschlandweit und mit weniger Lohn eingesetzt werden können. Das ist für uns nicht akzeptabel.

Das hört sich aber doch nicht schlecht an. Was will denn die GDL? Mühlhausen: Wir versuchen seit 2011, einen Tarifabschluss hinzubekommen, der die besondere Problematik der Lokomotivführer berücksichtigt.

Wo liegt das spezielle Problem der Lokführer?

Mühlhausen: Jeden Tag springen drei Menschen vor einen Zug, 1000 sind es im Jahr. Das ist für die Lokführer ein traumatisches Erlebnis. Nach meiner Schätzung können zehn Prozent der Lokführer danach nicht mehr fahren. Das wird gerne verschwiegen mit der Begründung, dass man einen Nachahmungseffekt vermeiden will.

Welchen Belastungen sind die Lokführer noch aus gesetzt?

Mühlhausen: Die Schichten für Lokomotivführer können zu jeder Tages- und Nachtzeit beginnen und enden. Sie sind abhängig von den Abfahrts- und Ankunftszeiten der Züge. Es gibt keinen Rhythmus. Das bleibt in den Knochen hängen und führt zu Schlafstörungen, Verdauungsproblemen und Bluthochdruck.

Was stellt sich die GDL vor, wie das Problem zu lösen ist?

Mühlhausen: Viele halten es nicht durch, bis 67 Jahre zu arbeiten. Sie müssen mehr Sicherheit haben. Wie zum Beispiel die Piloten wollen wir eine Lizenzverlust-Versicherung (LiVe), das ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Da hakt es aber, das will die Bahn nicht.

Können Sie ein Beispiel nennen, welche Folgen die derzeitige Regelung hat?

Mühlhausen: Wir haben den Fall, dass ein Lokführer mit Bandscheibenproblemen von Bebra nach Mannheim geschickt werden soll. Dort soll er als Lagerist eingesetzt werden. Was fordert die GDL?

Mühlhausen: Wir wollen eine Versicherung für den Lohnausfall. Zurzeit ist es nämlich so, dass die Kollegen bis auf Hartz IV abstürzen. Die Wegezeit zum Einsatzort darf nicht mehr als eine Stunde betragen. Es wäre doch kein Problem, die Leute in Bebra einzusetzen, wenn man die Arbeitsplätze wieder mehr in die Fläche verlagern würde. Stattdessen wurden sie zuletzt nur noch nach Kassel und Frankfurt verlegt.

Wie viele Menschen sind noch bei der Bahn in Bebra beschäftigt?

Mühlhausen: Rund 200 insgesamt, 120 Lokführer, mit Heringen/Neuhof sind es 50 im Rangierdienst, 16 im Stellwerk und 20 weitere.

Wie ist der Stand der Verhandlungen zwischen Bahn und GDL zurzeit?

Mühlhausen: Wir haben das letzte Angebot geprüft. Es ist aber fraglich, ob es nicht eine Mogelpackung ist. Deshalb haben wir einen Fragenkatalog an die Bahn gerichtet und einen neuen Verhandlungstermin am 7. Februar in Berlin vereinbart. Unsere Forderungen bleiben aber bestehen. Anderenfalls bleibt uns nichts anderes übrig, als zu Spontanstreiks aufzurufen.

Unter Streiks leiden dann aber wieder die Bahnkunden.

Mühlhausen: Wir streiken ja nicht um des Streikens willen, aber wir verhandeln seit drei Jahren und sind keinen Millimeter weiter. Wir brauchen jetzt ein Ergebnis, das wir vor unseren Mitgliedern vertreten können. Zurzeit läuft alles nach dem Gutdünken des Arbeitgebers. So im luftleeren Raum können wir nicht weitermachen.  Zur Person,

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Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

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