Montagsinterview mit Jean-Claude Berutti, der bei den Festspielen „Hamlet“ inszeniert

Traum und Albtraum

Jean-Claude Berutti gelang bei den Festspielen 2010 mit den „Sommergästen“ ein fulminantes Regie-Debüt. In diesem Jahr bringt er den „Hamlet“ auf die Bühne der Stiftsruine. Foto: Archiv/Zacharias

Bad Hersfeld. Shakespeares „Hamlet“ steht in diesem Sommer nicht zum ersten Mal auf dem Programm der Bad Hersfelder Festspiele . Das Drama um den Dänenprinzen scheint immer wieder das Interesse der Theatermacher neu zu wecken. Wenige Tage vor Probenbeginn äußerte sich dazu Regisseur Jean-Claude Berutti.

Herr Berutti, Sie haben sich für die Festspiele lange und neu mit dem Material auseinandergesetzt. Wie sehen Sie Hamlet jetzt?

Jean-Claude Berutti: Hamlet scheint vom Beginn des Stücks an in einem Zustand zu sein, in dem er viel Schlaf benötigt. Aber was für ein Zustand ist das? Der eines melancholischen, wachen Träumers? Eines an Halluzinationen leidenden überaktiven Menschen? Eines verlassenen Sohns und Neffen, der sich von einem Rachegeist besessen glaubt? „To sleep, to dream“ ist ein ganz wichtiges Motiv.

Viele Fragen, die vielleicht beantwortet werden müssen. Wie werden Sie „Hamlet“ in der Stiftsruine inszenieren?

Berutti: Ich möchte eine konzentrierte Fassung von „Hamlet“ inszenieren, wie in einem Traum oder eher in einem Albtraum. Hamlet sagt selbst, dass ihn seine Träume im Voraus erschrecken. Ich stelle mir eine abrupte Szenenabfolge vor, bei der Überleitungen vermieden werden, rasche, kontrastreiche Abfolgen, Szenen, in den es nicht immer leicht fällt zu unterscheiden, was Realität und was Vision ist. Im Laufe der Akte bleibt Hamlet in diesem ständigen Hin und Her zwischen Traum und Wirklichkeit, oder besser gesagt ihm fehlt eine deutliche Grenze zwischen beiden.

Was bleibt aktuell für uns in dieser Geschichte?

Berutti: Nichts und alles. Wer kann sich heute noch für die Thronfolgeprobleme eines jungen Prinzen interessieren, wo doch die Monarchie selbst als eine ziemlich antiquierte Staatsform auf uns wirkt? Und dennoch fasziniert uns dieses Stück weiterhin, vielleicht gerade wegen seines Geheimnisses, oder weil ein Toter den Lebenden sein Gesetz aufzwingt, und die Handlungen, die vor unseren Augen ablaufen, mit Fakten zusammenhängen, die eine oder zwei Generationen vorher stattfanden. Und das kann uns noch heute beeindrucken.

Sie haben die Titelrolle mit Bastian Semm besetzt. Was gefällt Ihnen an Bastian Semm?

Berutti: Bastian Semm ist 1979 geboren und die ideale Besetzung. Er ist ein ungestümer junger Hamlet und seine Freunde und Feinde bestehen aus einer Gruppe noch jüngerer Schauspieler. Bastian besitzt so ziemlich alle Eigenschaften, die man für diese Rolle erwarten kann: die Fähigkeit nachzudenken, die Selbstbeobachtung, den Hang zu agieren und den, Risiken einzugehen. Die Jugend der Figur ist unerlässlich.

Ophelia wird von Larissa Aimée Breidbach gespielt. Wie sehen Sie die Ophelia?

Berutti: Ophelia bleibt natürlich ein anderes Geheimnis des Stückes. Ich male mir aus, sie sei eine Adoptivtochter, die Polonius bei einer seiner diplomatischen Missionen vom anderen Ende der Welt mitgebracht hat. Er hat sie so halb und halb erzogen, war aber rasch dabei überfordert und hat sie sich selbst überlassen. Sie irrt nun in Helsingör herum, ohne so recht zu wissen, wo sie hingehört. Um diese Rolle zu interpretieren, habe ich eine wunderbare Schauspielerin ausgewählt, die aus Burkina Faso stammt.

Intendant Holk Freytag hat über Hamlet geschrieben, der sehe vor lauter Rückblicken seine Gegenwart nicht mehr und verspiele damit die Zukunft.

Berutti: Ja, der „Hamlet“ 2011 von Bad Hersfeld wird wie in einem Traum gespielt, in dem sich die verschiedenen Epochen und Zeiten vermischen und gegen einander prallen. Man wird darin eine laute, zornige Menschheit am Rand des Abgrunds sehen, die aber immer noch fähig ist, sich aufrecht zu halten, bereit zu fallen, aber auch bereit, sich darüber zu amüsieren, knapp bevor sie sich in die Leere stürzt.

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