Premiere: „Kein Schiff wird kommen“ überzeugt mit starken Dialogen in intimer Atmosphäre

Tragik statt Wende

Er ist „ein Autor seiner Generation“: Der Ich-Erzähler (Andreas Vögler) ringt um Relevanz, Geld und Anerkennung. Birthe Gerken ist innere Stimme und Mutter in einer Person. Fotos: Iko Freese

Bad HErsfeld. Die Gefühlswelt einer ganzen Generation auf den Punkt gebracht hat Regisseurin Andrea Thiesen mit dem Drei-Personen-Stück „Kein Schiff wird kommen“, das am Freitag in der Schildehalle Premiere feierte.

Vordergründig dreht sich alles um die Wende im Jahr 1989. Ein junger gefeierter Theaterautor (Andreas Vögler) hadert mit sich, der Intendant verlangt nach einem Stück voll „Welthalt und Nachhaltigkeit“, zwanzig Jahre danach.

Holpriger Einstieg

Nach einem etwas zu holprig geratenen Einstieg folgen pfiffige Dialoge zwischen Autor und innerer Stimme in Gestalt der ausdrucksstarken Birthe Gerken sowie zwischen Autor und Vater. Günther Schoßböck gelingt es dabei allerdings besser, den natürlichen Stolz auf das eigene Kind zu transportieren als grenzenlose Enttäuschung. Enttäuschung, die ein Vater doch sicher verspüren muss, wenn sein Sohn ihn nach langer Zeit besucht, sich aber so gar nicht über die liebevoll hergerichtete Thunfisch-Pizza mit Knoblauch und das dazugehörige Bier freuen will.

Und dann erklärt der Nachwuchs dem alten Herren auch noch, dass dieser „rein gar nichts verstehe“ und bitte auf Ausdrücke der Jugendsprache („cool“) verzichten soll. Authentische Dialoge, wie sie täglich in den deutschen Wohnzimmern fallen.

Die Rolle des jungen Autors, der den Vater abweist und schon früh die heimatliche Nordseeinsel Föhr gegen die trendige Weltmetropole Berlin getauscht hat, passt zu Darsteller Andreas Vögler. So angegossen, wie seine Jeans, Jackett und die Turnschuhe (Ausstattung: Corinna Thiesen). Bis hin zu den tätowierten Oberarmen. Farbige Haut gehört selbstverständlich auch zu den Mitte 20, Anfang 30-Jährigen, deren Welt durch „Skype, danach ein bisschen Elektro hören und sich selbst googeln“ definiert wird.

„Ich bin ein Autor meiner Generation“, ruft der Sohn. Anerkennung, Relevanz, Geld will er. Drei Dinge, nach denen sich tatsächlich die Heerscharen von Landkindern und Studenten sehnen, die es in den vergangenen Jahren nach Berlin gezogen hat.

Das Stück stammt von Nis-Momme Stockmann, einem Wahl-Berliner, tatsächlich auf Föhr geboren, der seinen Protagonisten damit sich selbst spielen lässt. Die Schildehalle wird mit Paletten vom Bau zur minimalistischen Bühne, der Staub der alten Industriehalle zur passenden Requisite.

Verzicht auf Musik

Für die Zuschauer entsteht Intimität durch Augenhöhe. Auf Musik verzichetet Thiesen. Stattdessen summen die Darsteller ihn selbst, den „Wind of Change“ der Scorpions, der den politischen Wandel in Europa thematisiert. Denn der Autor weiß, wie die Wende in der Abgeschiedenheit der Insel aufgenommen wurde. 1989 – das war für den Vater das Jahr der Montagsdemos. Und das Jahr, in dem die Mutter anfing, Gespenster zu sehen. Der Sohn verkennt die Tragik, kehrt nach Berlin zurück, verliert sich unter dem Druck der Intendanten.

Dann steht er wieder mal am Kai, wartet auf das Schiff nach Föhr, um die ganze Geschichte zu hören. Eine Geschichte, in der Birthe Gerken gleichzeitig die Rolle der Mutter und einer Ärztin einnimmt und die einen Takt zu schnell abgespult wird, in ihrer Tragik aber mitreißt.

Statt ins Jahr 1989 findet der Autor zu sich selbst - und zu seinem Vater. Langanhaltend beklatscht vom Publikum. Service

Von Sonja Broy

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