Von Träumen und Realität

Kai A. Struthoff

Na, ausgeschlafen? Womöglich nicht. Nach einer Studie der Krankenkasse DAK leidet fast die Hälfte der Hessen an Schlafstörungen. Besonders schlimm sind die am Wochenende. Wenn der Körper zur Ruhe kommt, arbeitet der Geist oft auf Hochtouren. Da wird die Woche rekapituliert, die neue durchgeplant, Sorgen, Stress und Ängste brechen durch.

Wir leben nicht auf einer Insel der Glückseligkeit, obwohl die Lage in unserem Kreis vergleichsweise gut ist. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, überall werden Arbeitskräfte gesucht, und Bad Hersfelds Einzelhandel ist dank einer Art „Sonderkonjunktur“ fast unbeschadet durch die Krise gekommen. Soweit die guten Nachrichten, die zum geruhsamen Träumen einladen.

Schlaflos könnte indes Rotenburgs Bürgermeister Manfred Fehr sein. In der idyllischen Fachwerkstadt ist die Lage im Einzelhandel trost-, wenngleich nicht hoffnungslos. Während Touristen gern durch die gemütlichen Gassen der Altstadt flanieren, gehen die „Eingeborenen“ woanders einkaufen. Wenn jetzt auch noch die Brückenbauarbeiten die Stadt lange Zeit lahmlegen werden, sieht es dort düster aus.

Kein Wunder, dass viele Rotenburger dafür auch ihren SPD-Bürgermeister verantwortlich machen, der nach 16 Jahren im Rathaus wohl etwas an Strahlkraft eingebüßt hat. Da wittert die CDU Morgenluft und schickt schon ein Jahr vor der Bürgermeisterwahl ihren Kandidaten ins Rennen. Christian Grunwald ist zwar erst 33 Jahre alt, aber sympathisch, gut ausgebildet – und unverbraucht.

Ohnehin sind die Christdemokraten im Kreisteil Rotenburg um Herbert Höttl und Thorsten Bloß besser aufgestellt als die trostlose Truppe in Hersfeld. Rotenburg stehen wohl spannende Zeiten bevor.

Wir Journalisten haben ja meist einen interessanten und abwechslungsreichen Job. Manchmal könnte man daran aber verzweifeln. So ging es mir, als ich unlängst eine halbe Stunde mit einem Leser stritt, der uns vorwarf, wir unterdrückten wichtige Informationen über einen örtlichen Verein. Was war geschehen? Wir hatten einen kleinen Bericht über einen Ausflug nach Kassel nicht gebracht.

Normalerweise veröffentlichen wir von derlei Aktivitäten wenigstens ein Bild, nur leider waren auch die Fotos gänzlich unbrauchbar. Wer möchte für sein gutes Geld schon lauter Hinterköpfe unscharf im Gegenlicht in seiner Zeitung sehen? Werbung für den Verein wäre das jedenfalls nicht gewesen – was aber der Leser leider ganz und gar nicht einsehen wollte.

Es gab aber auch Höhepunkte in der vergangenen Woche. Für mich war das ein Interview mit Günter Wallraff, dessen Arbeit ich als Student bewundert habe. Sein kompromissloses Eintreten für die Schwachen und Entrechteten der Gesellschaft ist vorbildlich. Gewiss, seine Recherchemethoden sind umstritten, und er eckt oft an. Aber das gehört in unserem Job dazu. Zeitungen sind nicht dafür da, brav abzudrucken, was Politiker und Lobbyisten bei uns reinreichen.

Mich hat das Interview jedenfalls daran erinnert, warum ich Journalist geworden bin.

struthoff@hersfelder-zeitung.de

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