Dr. Ingolf Stückrath lebt mit seiner Familie seit 2008 in einem Pariser Vorort

Tourist in der Freizeit

Bad Hersfeld/L’Hay-les-Roses. Wenn Dr. Ingolf Stückrath zur Autowerkstatt fährt, nimmt er seinen Sohn mit. Finn ist zwar erst sechs, aber als Übersetzer gibt es in der Familie keinen Besseren. In den zwei Jahren, seitdem die Stückraths bei Paris leben, hat Finn schon mehr Französisch aufgeschnappt als es seine Eltern im Unterricht mühsam gelernt haben.

Der gebürtige Hersfelder Ingolf Stückrath und seine Frau Anja leben mit den drei Kindern Finn, Nele (4 Jahre) und Lenn (2) in Bad Hersfelds französischer Partnerstadt L’Hay-les-Roses. Der Pariser Vorort mit 30 000 Einwohnern stand ganz oben auf der Wunschliste, als der heute 41-Jährige im Juni 2008 als Herstellungsleiter für den Pharmakonzern Sanofi-Aventis von Frankfurt nach Paris wechselte. „Als Leiter der TVH-Schwimmabteilung war mein Vater einer der Wegbereiter der Städtepartnerschaft“, erinnert sich Stückrath, der als junger Leistungsschwimmer selbst zweimal in L’Hay-les-Roses war. Heute profitiert er von den alten Kontakten: „Wir sind mit offenen Armen empfangen worden.“

Baguette und stilles Wasser

Stückrath hat Glück gehabt, dass er eine Wohnung in L’Hay-les-Roses gefunden hat. „Im Großraum Paris ist Wohnraum knapp und teuer.“ Inzwischen hat sich seine Familie an das Leben in Frankreich gewöhnt. „Wir trinken stilles Wasser und essen Baguette“, sagt Stückrath, „ansonsten ist vieles doch genauso wie in Deutschland.“

Stückrath fühlt sich wohl in Frankreich. „Trotz unserer anfänglichen Probleme mit der Sprache haben sich die Franzosen immer bemüht, uns zu helfen.“ Für die fünfköpfige Familie sei es besonders schön, dass Kinder überall willkommen seien, „ganz egal ob man mit drei kleinen Kindern in ein Restaurant geht oder in öffentlichen Verkehrsmitteln eine helfende Hand braucht“.

An den Wochenenden werden die Stückraths zu Paristouristen. Doch anstatt von einem Höhepunkt zum nächsten zu eilen, erkundet die Familie die Sehenswürdigkeiten eine nach der anderen. Im Sommer fährt sie mit dem VW Bus zum Camping an die Küsten der Normandie und der Bretagne. „Von Paris aus ist das gar nicht so weit“, erzählt Stückrath.

Nur der Verkehr im 12-Millionen-Moloch Paris geht dem 41-Jährigen auf die Nerven: „Das ist eine Katastrophe“, sagt Stückrath: „Außer sonntagmorgens gibt es kaum eine Möglichkeit, ohne Staus irgendwohin zu kommen.“ Außerdem vermisse er die freie Natur wie in Waldhessen: „Es gibt zwar viele Parks, aber echte Natur, so wie rund um Bad Hersfeld, ist rar.“

Täglicher Kontakt zu Eltern

Ein- bis zweimal im Jahr kommt Stückrath zu Besuch in die alte Heimat. Seine Eltern leben in Bad Hersfeld. Mit ihnen hält er täglichen Kontakt. „Meine Eltern haben sich extra einen Computer mit Kamera zugelegt“, sagt Stückrath. Die Videotelefonate und regelmäßigen Besuche seiner Eltern in Paris seien natürlich schön. „Aber es ist nicht dasselbe, als wenn die Großeltern direkt um die Ecke wohnen“, sagt Stückrath. Auch das gehört zum Auswandern dazu.

Von Marcus Janz

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