Bebraer Mordprozess: Zeugin berichtet von angeblicher Taktik des ersten Verteidigers

Die Tochter glaubt ihrem Vater

Bebra / Fulda. Die Tochter des wegen Mordes angeklagten 69 Jahre alten Steuerberaters aus Bebra traut ihrem Vater nicht zu, seine Frau absichtlich erschossen zu haben. „Mein Vater hat meine Mutter abgöttisch geliebt. Vielleicht hätte er sich etwas angetan, aber niemals seiner Frau“, sagte die 46-Jährige gestern vor dem Landgericht Fulda.

Ihr Vater sei ein geduldiger Mensch, der seiner Frau alles nachgesehen habe. „Ich habe gesehen, wie meine Mutter meinem Vater voller Wut, aber ohne Grund, ein Glas Rotwein ins Gesicht schüttete. Mein Vater sagte nichts, putzte sich nur das Gesicht ab. Sie schüttete ihm ein zweites Glas Wein ins Gesicht, was er erneut hinnahm“, berichtete sie.

Die Tochter und ihr Lebensgefährte schilderten, wie es kam, dass sie an einem Freitagabend im Februar die Polizei alarmierten, die dann die erschossene Mutter im Schlafzimmer des eigenen Hauses fand. Ihre Eltern hätten die Zusage, die Enkeltochter zu einem Arzttermin zu bringen, nicht eingehalten. Anrufe seien gescheitert.

Die Tochter habe dann mit ihrem Partner die Eltern aufgesucht – zu einem Zeitpunkt, als die Mutter schon tot war, wie sich später zeigte. In der Wohnung sei nur ein Zimmer beleuchtet gewesen. Auf Klingeln habe niemand geöffnet. Durch die Terrassentür hätten sie dann den Vater auf dem Sofa sitzend gesehen. „Er zitterte, machte einen verwirrten Eindruck“, sagte die Tochter. Auf Nachfrage habe er jedoch gesagt, es sei alles okay. Er wisse nicht, wo seine Ehefrau sei. Da die Mutter bei Dunkelheit nie allein vor die Tür gegangen sei, habe die Tochter die Polizei alarmiert.

Grenzenlose Leidensfähigkeit

Der psychische Zustand der Mutter habe sich im Laufe der Jahre verschlechtert, berichtete die Tochter. Die Mutter habe, wie sie selbst sagte, den Vater einmal mit dem Messer bedroht. Zwei bis drei Wochen vor dem tödlichen Schuss habe der Angeklagte seine Tochter besucht und ihr gesagt, der Zustand seiner Frau sei „ganz schlimm, eine Katastrophe“. Sie habe sich aber keine Sorgen gemacht: „Die Leidensfähigkeit meines Vaters war grenzenlos.“

Laut Verteidiger Christopher Posch hat sich sein Mandant wegen Erinnerungslücken zunächst nicht zur Tat geäußert. Dann habe er ohne jede Verdunkelungsabsicht berichtet, dass sich der Schuss aus Versehen gelöst habe, sagte Posch und fragte die Tochter nach dem Vorgehen eines zunächst beauftragten Rechtsanwalts. Dieser hat laut Tochter dem Beschuldigten nahegelegt zu erklären, es habe sich um Tötung auf Verlangen gehandelt. Dann sei er zu seinem 70. Geburtstag wieder frei. Die Tochter könne, wenn sie das unterstütze, das Haus ihrer Eltern erben. Darauf hätten sich der Vater und sie aber nicht eingelassen, berichtete die Tochter. Für Posch war das ein Indiz, das die Ehrlichkeit des Angeklagten zeige.

Von Volker Nies

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