Bad Hersfelder Festspiele: Enzensbergers „Komödie“ ist keine seichte Unterhaltung

Titanic mit Tiefgang

Eisberg voraus: Eine Szene mit Heinrich Cuipers (als Enzi), Cyril Sjoestroem (als Ilmary Alhomaiki), Manfred Stella (als Käpten) und Lydia Schamschula (als Emilie Vanderplancke) von links. Fotos: Iko Freese/dramaberlin

Bad Hersfeld. „Am 30. Mai ist der Weltuntergang“. Als sich in der Schlussszene das Tor öffnet und das Ensemble die Schildehalle in einer Art Trauerzug verlässt, erklingt ausgerechnet dieser Schlager mit der fröhlichen Melodie zum sarkastischen Text. Ein irritierendes Bild. Derartig (gewollte) Irritation macht über weite Strecken die Inszenierung von Hans Magnus Enzensbergers „Der Untergang der Titanic“ aus.

Koffer, die von der Galerie in den Raum baumeln, und eine Dinner-Tafel – das sind die wesentlichen Elemente der Bühnengestaltung. Gekonnt fügen sie sich in das Industrieflair der Schildehalle mit ihren stählernen Gitterpfeilern ein. (Bühne: Elena Ortega).

Verstärkt wird die Atmosphäre durch die Effekte: Wenn sich mit Getöse das Hallentor schließt und die Verdunklungsrollos herabsinken, wähnt sich der Zuschauer tatsächlich im Schiffsbauch. Die Handlung ist nicht nur dort angesiedelt, nimmt die Katastrophe vielmehr aus verschiedenen Perspektiven in den Fokus. Die Gedankenwelt des Autors „Enzi“ Enzensberger gibt Heinrich Cuipers, einem Märchenonkel gleichend, wieder. Seine Monologe verbinden die wechselnden Handlungsstränge. Wohl auch der Vorlage geschuldet, geraten manche Szenen arg erzählerisch.

Die 33 Gesänge hat Regisseurin Beatrix Schwarzbach gestrafft – noch mehr Mut zum Weglassen wäre wünschenswert. Durch Perspektiv-Vielzahl wirkt das Stück zwischendurch etwas langatmig. Was nicht bedeutet, dass es auf der Bühne an Bewegung mangelt: Ilmary Alhomäki (Cyril Elias Sjöström) klettert als Vorkämpfer der Arbeiterklasse an einem der Stützpfeiler empor, die Schauspieler klammern sich in Zeitlupe an rettende Planken – wie im Action-Film begleitet von dramatischen Orgelklängen (Musik: Wolfgang Schmidtke).

Akustik macht Probleme

Wird die dekadente High-Society zu Pianoklängen durch das Luxusdeck geführt oder dröhnt die Schiffssirene aus den Lautsprechern, ist das gesprochene Wort manchmal nur schlecht zu verstehen. Die spezielle Hallen-Akustik hatte schon den Probenplan ins Wanken gebracht. So erklären sich wohl auch gelegentliche Textunsicherheiten zur Premiere.

Gelungen ist die mit flottem Beat unterlegte Performance aus Liedfetzen. „Näher mein Gott zu dir“, „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ - so wird das Wechselbad aus Leichtigkeit und Entsetzen greifbar. Krasse Gegensätze tragen auch die Szene, in der Lydia Schamschula das Schiffsunglück im Stil einer Revue-Ansagerin kommentiert. Ein überzeugender Einblick in den uneingeschränkten Fortschrittsglauben: der philosophische Monolog des Käptens (Manfred Stella) über den Eisberg. In seinem Wesen am trennschärfsten herausgearbeitet wird der überheblich-leichtfertige Reeder Ismay (Livo Cecini).

Wenn Cyril Elias Sjöström und die kokette Yara Hassan aus ihrem Dialog vom Heizer Shine plötzlich in die DiCaprio-Pose wechseln, wenn der Reeder den nahen Tod kommentiert – „Wer ertrinkt schon gern, dazu noch bei minus zwei Grad“ – , gibt es durchaus auch sarkastisch-heitere Momente.

Zögerlicher Applaus

Wirklich zünden will dieser Humor beim Publikum nicht. Auch Tragik schafft es nicht, die Zuschauer wirklich zu berühren. Vielleicht auch, weil die Temperaturen in der geheizten Halle eher dem Maschinenraum als eisigen Fluten entsprechen. Der Schlussapplaus fällt jedenfalls eher zögerlich aus.

Vom Untertitel „Eine Komödie“ sollte sich der Zuschauer nicht täuschen lassen. Wer seichte Abendunterhaltung erwartet, ist in der Schildehalle definitiv fehl am Platz.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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