Bad Hersfelder Festspiele: Der zerbrochne Krug mit durchweg starkem Ensemble

Der tiefe Fall des Richters

Weltfremde Aufklärerin: Frau Brigitte (Viola von der Burg, stehend) berichtet über die Geschehnisse der vergangenen Nacht. In der Gerichtsstube (im Vordergrund, von links) Veit Tümpel (Hans-Christian Seeger), Gerichtsrätin Walter (Nina Petri) und Eve (Andrea Cleven). Fotos: Klaus Lefebvre

Bad Hersfeld. „Ein Wort keck hingeworfen macht den Richter in meinem Aug’ der Sünd’ noch gar nicht schuldig“. Obwohl der selbstsüchtige Dorfrichter längst des Amtsmissbrauchs überführt ist, muss die wichtigste Zeugin noch um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen – während zuvor ausgerechnet die absurdeste Schilderung der Vorkommnisse dazu beigetragen hat, den gestrauchelten Juristen endgültig zu Fall zu bringen. Recht haben und Recht bekommen – das sind häufig zweierlei Dinge.

In Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ wird zu guter Letzt das Unrecht doch gesühnt. In der Inszenierung des Ex-Intendanten Holk Freytag feierte das Lustspiel am Samstagabend Premiere auf der Bühne der Stiftsruine. Die Geschichte vom Richter, der seine Macht missbraucht und schließlich über seine eigene Tat urteilen muss, lebt vor allem vom durchweg starken Ensemble.

Panischer Richter

Allen voran der brillante Stephan Schad als Dorfrichter Adam: panisch, in die Ecke getrieben und sich doch bis zum Schluss an jeden Strohhalm klammernd in der Hoffnung, den Verdacht doch noch von sich abwenden und seine Macht erhalten zu können. In der Rolle der taffen Gerichtsrätin Walter als seine Widersacherin überzeugt Nina Petri. Freytags Wagnis, die eigentlich männliche Rolle mit einer Frau zu besetzen, darf als geglückt bezeichnet werden. An der Seite des Richters steht Nikolaus Kinsky als undurchsichtiger Schreiber Licht, dessen Optik an Gollum aus dem Herrn der Ringe angelehnt ist (Kostüme: Michaela Barth) im Spannungsfeld zwischen Loyalität, Recht und dem eigenen Vorteil. Marie Therese Futterknecht kann als Marthe Rull ihre emotionsgeladene Besessenheit ausleben – wenngleich die Rolle des leicht einfältigen Hausmütterchens dies nicht in gleichem Maße zulässt, wie in ihrer im Vorjahr mit dem Hersfeldpreis bedachten Verkörperung der Maria Stuart.

Gekonnt gibt Andrea Cleven als Eve die Unschuld vom Lande: Geleitet von durchweg edlen Motiven aber alles andere als naiv. Sébastien Jacobi überzeugt als gekränkter Verlobter Ruprecht, Hans-Christian Seeger als dessen grobschlächtiger Vater Veit. Nicht zu vergessen: Die herrlich-weltfremde Viola von der Burg als Frau Brigitte. Durch den kammerspielartigen Charakter sind weite Teile der Handlung in der Gerichtsstube auf der Vorderbühne angesiedelt. Den Blick auf die Bögen der Ruine versperrt zwischenzeitlich eine Wand mit Kruzifix und Fenstern, hinter denen der Schnee rieselt (Bühne: Norbert Bellen). Als die beiseitegezogen wird, taucht in der Apsis unvermittelt ein weißes Pferd auf – ein Symbol für den Amtsschimmel? Für räumliche Tiefe sorgt nicht nur die leider stark verkleinerte Oberbühne, welche vor allem gegen Ende einbezogen wird. Auch die Möglichkeiten der neuen Zuschauertribühne werden geschickt fürs Spiel im Publikum eingesetzt.

Heimliche Stars

Die heimlichen Stars der Inszenierung: Laura und Lisa Quarg als Mägde Liese und Grete.

Während des gesamten Stücks gelingt es dem Ensemble, Wortwitz und Situationskomik der Vorlage fein herauszuarbeiten – was das Publikum mit zahlreichen Lachern honoriert. Angesichts dieses Umstandes wären Slapstickeinlagen wie der Besenkampf der Quarg-Zwillinge ebenso lässlich, wie die Spielszenen des Prologs, die in das kleinbürgerliche Handlungsumfeld einführen.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Die große spielerische und gesangliche – Leistung der Statisten des Chorvereins steht keinesfalls in Abrede. Auch die Zwillingsschwestern Lisa und Laura Quarg (Goldfarb) sind als die wuselnden Mägde Grete und Liese ein echter Glücksgriff – einfach putzig und damit schlichtweg die heimlichen Stars der Inszenierung.

Für die durchweg starke Ensembleleistung spendete das Premierenpublikum zunächst etwas zögerlichen, dann aber lang anhaltenden Schlussapplaus.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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