52. Festspielkonzerte: Der Gambist Peter Lamprecht im J.S.Bach-Haus

Tief ins Fühlen gesenktes Lot

Die Viola da gamba, die hier Peter Lamprecht spielt, wird mit den Knien festgehalten. Foto: von Trott

Bad 1Hersfeld. Eine Musik, die begreifen und ergriffen macht, die also Verstand und Herz bewegt, hat ihren höchsten Zweck erfüllt. Am vergangenen Festspiel-Konzertwochenende tat es eine einzelne Viola da gamba.

Zum Lernen und Begreifen: Viola als die sprachliche und bauliche Grundform, Violine als die verkleinerte, Violone als die vergrößerte Form; gamba ist im Italienischen das Bein (französisch: jambe). Wir haben mit der Viola da gamba also ein Violeninstrument vor uns, das mit den Beinen, besser: den Knien, gehalten wird, während das Violoncello sich auf den Fußboden stützt. Die Gambe hatte ihre große Zeit zwischen 1600 und 1750 in den gehobenen, ja höfischen Kreisen des Barockzeitalters, erlebt im Zug der historischen Aufführungspraxis seit einem guten halben Jahrhundert freilich eine ungeahnte Renaissance. Davon kündeten im J.S.Bach-Haus auch die beiden Solorecitals des Gambisten Peter Lamprecht.

Eigene Variationen

Das hier in Rede stehende Konzert vom Samstag enthielt Bachs Violoncello-Suite Nr. 5 BWV 1011, für die Gambe von c-Moll nach d-Moll transponiert. Dann eine D-Dur-Sonate des schon Haydn nahen Londoner Gambisten Karl Friedrich Abel, eine Suite a-Moll des vor genau 300 Jahren gestorbenen Johann Schenck und eine Sonate D-Dur aus Telemanns umfangreicher Sammlung „Der getreue Music-Meister“. Als Intermezzo musizierte der Solist eigene Variationen über den Choral „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ und als Zugabe für das beifallsfreudige Publikum eine Adaption von Robert Schumanns „Träumerei“.

Peter Lamprecht, Jahrgang 1941, ist in der Nähe von Düsseldorf zu Hause und hat sich während seines Musikerdaseins, zunächst als Cellist, immer mehr der Gambe verschrieben. So konnte er zeigen, was das Gambenspiel im Vergleich zum Violoncello auszeichnet: Innerhalb eines kleineren dynamischen Rahmens größere Möglichkeiten der Differenzierung, vor allem der klanglichen Valeurs; zusammen mit der ausgeprägten Lagencharakteristik und dem schwebenden Akkordspiel auf sieben Saiten auch mehr Eleganz und Extravaganz. Mit Bezug auf die Mode gesagt: Die Applikationen, weniger der Grundstoff, bewirken das Gefallen. Das kommt auch den diversen Tanzsätzen zugute, aus denen die barocke Suite ja vorzugsweise besteht.

Vehikel der Empfindung

Bedenkt man, wie sparsam die Menschen vor 300 Jahren ihre Gefühle äußerten, dann lässt sich die Beliebtheit der Viola da gamba als „Vehikel“ der Empfindung begreifen. Und ebenso, dass sie fast ausschließlich solistisch oder in ganz kleinen Ensembles auftrat. Umso tiefer aber das Lot, das diese feine und stille Musik in den Brunnen des Wissens und Fühlens senkte.

Von Siegfried Weyh

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