Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum besteht seit 25 Jahren

Therapie ohne Blaupause

Klinik mit Aquarium: Hell und offen präsentiert sich die Psychiatrie im Klinikum und will so bewusst alte Vorurteile und Schwellenängste abbauen, erklären Diplom-Psychologe Dr. Falko Seegel, Stationsleiter Norbert Wilhelm, Chefarzt Prof. Dr. Gerald Schiller und Klinikum-Geschäftsführer Martin Ködding (von links). Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Am Eingang blubbert ein Aquarium mit Skalaren. In den Fluren stehen Skulpturen, an den Wänden hängt Kunst. Und überall sind offene Türen. Eine Klinik für Psychiatrie stellt sich der Laie wohl anders vor. Doch genau die freundliche Offenheit gehört zum Konzept der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bad Hersfeld, die in diesen Tagen ihr 25-jähriges Bestehen feiert.

Viele Vorurteile

„Die Ausgrenzung von Patienten mit psychischen Problemen sollte hier ganz bewusst aufgehoben werden, deshalb ist die Klinik auch mitten ins Krankenhaus integriert“, erklärt Geschäftsführer Martin Ködding. Dieses Konzept habe sich bewährt, die Psychiatrie sei inzwischen eine etablierte Einrichtung.

Gleichwohl existierten in vielen Köpfen Vorurteile, und Schlagworte wie „Klapse“ machten noch die Runde, bedauert der Diplom-Psychologe Dr. Falko Seegel, der das psychologische Team der Klinik koordiniert. Wegen der Vorurteile ließen sich viele psychisch Kranke gar nicht behandeln. Ohnehin ist die Therapie anspruchsvoll. „Für jede andere Krankheit gibt es eine Art Blaupause, wie sie geheilt werden kann – nicht aber in der Psychiatrie“, sagt Seegel. Deshalb würden für die Patienten der Klinik stets individuell differenzierte Therapie-Konzepte erarbeitet.

Neben Medikamenten nehmen vor allem Therapiegespräche einen breiten Behandlungsraum ein. Aber auch Bewegungs-, Kunst und Ergotherapie gehören dazu. Viele Patienten werden nach einem stationären Aufenthalt später in der Tagesklinik ambulant weiterbetreut.

Und der Bedarf an psychiatrischer Betreuung wächst ständig. „Angststörungen und altersbedingte Demenz nehmen in unserer älter werdenden Gesellschaft stark zu“, erläutert Chefarzt Prof. Dr. Gerald Schiller. Hinzu komme die Verdichtung in der Arbeitswelt. „Depressionen werden schon bald die häufigste Krankheit sein“, sagt Schiller.

Dabei stößt die Klinik schon jetzt an ihre Grenzen. Sie hat im Kreis den Versorgungsauftrag für 130 000 Menschen und ist oft auch die erste Anlaufstation für Erkrankte, denn im ganzen Kreis gibt es nur einen niedergelassenen Psychiater, bedauert Schiller. In allen Psycho-Disziplinen fehle es an qualifiziertem Nachwuchs. Gerade in der Psychiatrie sei es zudem wichtig, deutsch-sprachige Ärzte zu beschäftigen, weil „Sprache unser Medium ist.“

Wichtig sei daher auch die Kooperation mit anderen Hilfseinrichtungen, wie etwa dem Verein „Die Brücke“, der Werkstatt „Lichtblick“ oder den Kliniken Hainberg und Wigbertshöhe in der psycho-sozialen Arbeitsgemeinschaft, erklärt Dr. Falko Seegel. „Die Psychiatrie ist nicht nur eine Institution, sie ist ein Netz“, sagt Seegel.

Und dieses Netz wird wohl in Zukunft immer mehr aufzufangen haben.

Von Kai A. Struthoff

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