Probenbeginn in der Stiftsruine / Erstes Abtasten im Nieselregen unter dem Zeltdach

Theater mit Freunden

Wiedersehen von Freunden: Festspiel-Intendant Holk Freytag umarmt „King Lear“ Volker Lechtenbrink – ein Bild für die Weltpresse. Im Hintergrund freut sich Julian Weigend, der im Lear den Edgar spielt, über die herzliche Begrüßung. Foto: Jan-Christoph Eisenberg

Bad Hersfeld. Es ist fast so wie am ersten Schultag nach den Ferien. Alte Freunde fallen sich in die Arme. Küsschen hier. Schulterklopfen da. Wiedersehensfreude pur. Ein wenig schüchtern stehen die Neuen dabei, beäugen noch ehrfürchtig die Stars, mit denen sie schon bald das Rampenlicht teilen sollen. Der Probenbeginn ist für viele auch der erste Auftritt in der Stiftsruine.

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Intendant weckt hohe Erwartungen

Volker Lechtenbrink gibt Interviews, seine Hände sind eiskalt. Eigentlich sollte er wissen, wie ungemütlich es in der Ruine werden kann. „Ich habe nicht gedacht, dass es heute so lange hier dauert“, brummt Lechtenbrink mit seiner markanten Stimme und posiert trotzdem geduldig für immer neue Fotos.

Kamerateams, Radioreporter, Presseleute – das Medieninteresse ist groß. Besonders gefragt auch Michael Schanze, der mit Wollmütze und Turnschuhen ganz lässig auf der Bühne steht und das Zeltdach beäugt, von dem unaufhörlich Regen auf die Bühne platscht. „Der Regen wird der Leistung keinen Abbruch tun“, versichert Bürgermeister Fehling in seiner Begrüßung den Schauspielern und verspricht ihnen „hektische und spannende Wochen“.

Intendant Holk Freytag stellt sein Ensemble persönlich vor. „Theater kann man nur mit Freunden machen“, zitiert er Gustav Gründgens und bittet seine ganze Mannschaft zu einem ersten symbolischen Schulterschluss auf die Bühne. Die Fotos der Schauspieler hängen seit Wochen in seinem Büro. „Manchmal habe ich gedacht, was mache ich, wenn ihr alle nicht kommt“, gesteht er. Aber jetzt sind alle da. Eingemummelt in Jacken, Mützen und sogar Decken ist der erste Eindruck der Ruine ein kühler. Doch das Eis bricht schnell.

Videobericht:

Kurz dürfen auch die Regisseur erläutern, was sie vorhaben. „Den Zauberberg auf die Bühne zu bringen ist ziemlicher Wahnsinn, aber ich freue mich auf das Abenteuer“, sagt Regisseur Janusz Kica. Beatrix Schwarzbach, die die „Titanic“ sinken lässt, freut sich sogar auf diesen Untergang.

Und Hans-Christian Seeger, der „Ewig Jung“ im Eichhof inszeniert verspricht, dass dort schon bald die „schönste Künstler-Senioren-Residenz“ eröffnen wird. Für Stefan Huber, den Regisseur von „Anatevka“, steht indes Tevjes Seufzer „Was ist nur los mit dieser Welt“ im Mittelpunkt.

Tja, was wohl? Rund um die Ruine fällt die Antwort auf diese Frage leicht: Es ist endlich wieder Festspielzeit, und Bad Hersfeld macht Theater mit Freunden.

Von Kai A. Struthoff

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