Der Tenor René Kollo nahm in der Stiftsruine heiter-besinnlich Abschied von seinem Publikum

Lebensreife in Person: Der Tenor René Kollo bei seinem Abschiedskonzert in der Stiftsruine von Bad Hersfeld. Foto: Torsten Wiegand

Bad Hersfeld. Gehörte am Wochenende das Podium mit Sang und Klang der Jugend - den Obersberger Modellschülern -, so bekam zum Wochenbeginn die Lebensreife ihre Reverenz in der Stiftsruine: Der Tenor René Kollo ließ singend und plaudernd „Mein Leben und die Musik" (Programm-Motto) Revue passieren.

Noch ist er 78 (geboren im November 1937 in Berlin), und noch hat er guten Grund, seine Stimme am Ende einer gut 50-jährigen Sängerlaufbahn dem Publikum vorzuführen. In den ehrwürdigen, bald 900-jährigen Mauern waren etwa 800 Besucher vereint im Genuss und heftigen Applaus - sicher mancher, der den Gast einst in Bayreuth, München, Wien und dem Rest der Opernwelt erlebte.

Etliches von damals schimmert vokal noch durch: die Präzision von Atemschöpfung, Anschlag und Tonbildung, die Sorgfalt der Sprachbehandlung, die frische Direktheit und die kluge, aus so viel Erfahrung gespeiste musikalische Gestaltung.

Kleine dramatische Szenen

Wie er etwa „Komm, Zigan“ aus der Kálmán-Operette „Gräfin Mariza“ oder Franz Lehárs „Wolgalied“ („Der Zarewitsch“) zugleich als Gesangsstudien und kleine dramatische Szenen anlegte, das hatte Format und gelingt einem Jüngeren nicht automatisch besser. Ja, es schien, als habe die an sich farbarme Kollo-Stimme mit der Zeit mehr Tönungen gewonnen.

So brauchte man um das „Vincerò“ der Mega-Arie „Nessun dorma“ aus der Puccini-Oper „Turandot“ nicht zu bangen. Er hat gesiegt, wenn auch auf etwas bequemerer Tonhöhe. Der Plauderer Kollo - ein-, zweimal leicht gedankenverloren, doch charmant wie eh und je, mit verschränkten Armen oder einer Hand in der Hosentasche des dunklen Anzugs - spazierte salopp durch die Familienhistorie, mit Großvater Walter und Vater Willi als Mitschöpfern der Berliner Operette, und durch Anekdoten um Verdi und Puccini.

Lob auch den Kollegen an diesem stimmungsvollen Abend. Zuerst der russischen, in Deutschland lebenden Koloratursopranistin Tatjana Charalgina mit leichter Höhe und filigraner Linie in Adeles Couplet „Mein Herr Marquis“ aus der „Fledermaus“, im zart getönten Wiener Lied „Draußen in Sievering blüht schon der Flieder“ (jeweils Johann Strauß) oder in Favorit-Duetten aus der „Csárdásfürstin“ (Kálmán), dem „Vogelhändler“ (Carl Zeller) und der „Lustigen Witwe“ (Lehár). Stimmlich angeschlagen (so auch angekündigt), versuchte sich der Bassist Lothar Fritsch am Obersten Ollendorf (aus Millöckers „Bettelstudent“) und am Schweinezüchter Zsupán (aus Strauß’ „Zigeunerbaron“).

Überaus tüchtig und gewandt der Berliner Professor Helge Dorsch, der vom Klavier aus ein philharmonisches Ensemble (zwei Violinen, Viola, Violoncello, Kontrabass) leitete. Preziosen von Fritz Kreisler tischten sie instrumental zu Beginn und nach der Pause auf.

Nehmen wir das ganze Programm als Zugabenfolge einer großen Sängerkarriere, so gab es doch ein separates besinnliches Schmankerl: Paul Linckes „Es war einmal - Wenn auch die Jahre enteilen“. Da kam zur Erinnerung doch ein bisschen Wehmut auf.

Von Siegfried Weyh

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