Die Kultur gewinnt im Festspiel-Streit, nur die Stadt verliert – Leidenschaftliche Debatte in Bad Hersfeld

Aus dem Tempel auf die Straße

Erneuerten ihre Kritik trotz Buhrufen: Bernd Böhle, FDP, (am Mikrophon) und Gunter Grimm, CDU (rechts daneben). Foto: Reymond

Bad Hersfeld. Die Kritiker hatten es schwer, beim Freiluft-Forum unserer Zeitung zur Intendanten-Kündigung. Trotzdem hatten sich Bernd Böhle (FDP) und Gunter Grimm (CDU), unterstützt von weiteren Parteifreunden und Kritikern des Intendanten in die „Höhle des Löwen“ gewagt.

„Wie soll die Stadt das trotz Rekord-Budgets neuerliche Defizit von 300 000 Euro ausgleichen – etwa mit Kindergartengebühren- und Steuererhöhungen?“ wollte Böhle begleitet von Buh-Rufen wissen.

Holk Freytag erwiderte, er könne zwar Einnahmen schätzen aber nicht fest voraussagen – sonst würde er „mit der Nummer im Zirkus auftreten“. Zudem seien die Festspiele seit Monaten aus dem Rathaus kaputtgeredet worden – auch das habe Einfluss auf den Kartenverkauf.

Scharf reagierte Holk Freytag auf den Vorwurf seiner Kritiker, er sei nur wegen seiner SPD-Parteizugehörigkeit Intendant geworden. „Das macht mich fassungslos, schließlich war ich auch in Dresden – wahrlich keine SPD-Hochburg – jahrelang Generalintendant“.

Doch auch in FDP und CDU, die im Hersfelder Magistrat Bürgermeister Thomas Fehling stützen, sind die Meinungen gespalten: CDU-Kreistagsmitglied Thomas Gerlach sprach Holk Freytag seine Solidarität aus. „Ich habe zwar keine Legitimation durch meine Partei, aber ich tue es trotzdem. Denn ich bin nicht der einzige schwarze Mandatsträger, der so denkt.“

Geld aus dem Fenster werfen

Seine Aussage bekräftigte Thomas Gerlach mit einem Zitat des Theaterregisseurs Max Reinhardt: „Wenn du gutes Theater machen willst, dann musst du Geld zum Fenster rauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt.“

Auch der einstige FDP-Kreisbeigeordnete Reinhold Iffert brach eine Lanze für den Intendanten: „Was in Bad Hersfeld in Bezug auf Holk Freytag abgeht ist würdelos und widerspricht in eklatanter Weise der im Grundgesetz festgeschriebenen Menschenwürde. So geht man mit Menschen nicht um.“ Iffert bedankte sich beim Ensemble für die gezeigten Leistungen auf der Bühne.

Eine völlig neue Sicht auf den wochenlangen Festspiel-Streit präsentierte dann die Grüne Stadtverordnete Monika Schmidt: „Die Festspiele und die Kultur haben durch die Auseinandersetzung gewonnen, nur die Stadt hat sich lächerlich gemacht“, sagte sie. Das bekräftigte auch der Bad Hersfelder Hagen Nietzsche. „Die Kultur wurde aus ihrem Tempel hinaus auf die Straße getragen – mehr kann kein Theatermann erreichen“.

Der SPD-Landtagabgeordnete Torsten Warnecke warnte dennoch vor der verheerenden Außenwirkung, vor allem bei den politisch Verantwortlichen in Berlin und Wiesbaden mit Blick auf Entscheidungen über die finanzielle Förderung, die erneute Schirmherrschaft des Bundespräsidenten oder die geplante Fusion von Schauspiel und Oper.

Für das Ensemble fragte Schauspieler Markus Gertken, ob nach all dem überhaupt eine sinnvolle Kommunikation wieder aufgenommen werden könne? „Im Theater kann man jeden Tag neu anfangen – ich wäre bereit dazu“. Nicht nur für diese klaren Worte bekam der Intendant an diesem Tag viel Applaus. (rey/kai)

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