HZ-Streitgespräch mit den beiden Rivalen um das Bad Hersfelder Rathaus: Thomas Fehling (FDP) und Gunter Müller (SPD)

Tauziehen ums Bürgermeisteramt

Wer ist der Stärkere, wer kann die Wähler am 21. November in der Stichwahl auf seine Seite ziehen – Thomas Fehling (links) oder Gunter Müller (rechts)? Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Es war das letzte direkte Zusammentreffen der beiden Bürgermeister-Kandidaten vor der Stichwahl am 21. November. Beim HZ-Streitgespräch machten Thomas Fehling und Gunter Müller klar, dass beide unbedingt gewinnen wollen.

Herr Fehling, mitten im Wahlendspurt müssen sie auf Dienstreise in die USA. Ist das für Sie nicht fatal?

Thomas Fehling: So ist das halt in meinem Job. Ich konnte mich dem nicht verwehren. Das ist in der Situation ganz, ganz schwierig. Ich kann es aber nicht ändern. Aber wir haben ein gutes Team. Wir haben alles gut vorbereitet – mit der Einschränkung, dass der Kandidat nicht präsent ist. Das ist eine Herausforderung, aber wir werden sie meistern.

Herr Müller, für Sie ist das ja wie ein Wahlgeschenk. Werden Sie die Abwesenheit Ihres Kontrahenten nutzen, um richtig anzugreifen?

Gunter Müller: Am Anfang habe ich gedacht, das ist ein Wahlkampf-Gag. Aber für mich ändert es nichts. Ich halte es jedoch für absolut notwendig und auch für eine Pflicht, bis zum Ende präsent zu sein. Alles andere muss man dafür zurückstellen.

Fehling: Es ist nicht meine Entscheidung. Ich habe meinem Arbeitgeber gegenüber eine Verpflichtung. Das ist auch keine Juxreise, sondern wir haben ein volles Arbeitsprogramm. Aber natürlich wäre ich nach den vielen Wochen des Wahlkampfs im Schlussspurt viel lieber daheim.

Wir müssen es schaffen, dass junge Leute hierbleiben oder wieder zurückkehren.

Thomas Fehling (FDP)

Herr Fehling, Sie behaupten, das umfassendste Wahlprogramm aller Kandidaten vorgelegt zu haben. Können Sie jetzt noch nachlegen?

Fehling: Dass ich das umfassendste Wahlprogramm vorgelegt habe, ist ein Zitat von einem Beobachter. Aber tatsächlich steckt da sehr viel Mühe und Arbeit drin, so etwas reift in vielen Jahren. Ich habe im Moment wegen meiner Reise sehr viel zu tun. Ich muss mal sehen, ob wir noch nachlegen können.

Wenn man Fehlings Logik folgt, dann hat Ihr Wahlprogramm Lücken, Herr Müller?

Müller: Mein Programm hat keine Lücken. Ich habe meine Schwerpunkte genannt. Ich kommentiere aber nicht die wenig zielführenden Hochglanz-Folien meiner Mitbewerber. Und ich sage auch nichts zu irgendwelchen Masterplänen. Meine berufliche Erfahrung zeigt mir, dass die Realität meist ganz anders ist als schöne Pläne. Ich habe meine Themen genannt, zu denen stehe ich und werde sie jetzt noch präzisieren.

Sie müssen jetzt die Wähler von Willi Saal und Martin Gröll auf Ihre Seite ziehen. Wie wollen Sie das tun?

Fehling: Im Moment laufen viele Gespräche. Ich will aber nichts vorwegnehmen. Aber ich bin sehr zuversichtlich.

Müller: Es geht nicht darum, von jemandem Wähler zu sich zu holen. Herr Gröll hatte besonders viele Briefwahlstimmen. Nach der HZ-Diskussionsrunde hat dann wohl manch einer umgedacht. Für mich geht es aber vor allem darum, diejenigen zu mobilisieren, die nicht gewählt haben.

Warum sind so viele Leute nicht zur Wahl gegangen?

Müller: Darüber kann man nur spekulieren. Ich glaube schon, dass das Interesse sehr groß ist. Vielleicht haben aber viele auf eine Stichwahl gesetzt. Ich glaube, im zweiten Wahlgang ist eine höhere Mobilisierung möglich.

Fehling: Mich hat die geringe Wahlbeteiligung schon ernüchtert. Beim letzten Mal konnte man ja noch die Boehmer-Dominanz unterstellen. Aber warum das diesmal so war, weiß ich auch nicht.

Inzwischen hat die Auseinandersetzung zwischen Ihnen beiden ja auch deutlich an Schärfe gewonnen...

Müller: Ja, aber das hätte nicht so sein müssen. Wir stehen in völlig unterschiedlichen Lagern, haben ganz andere Ansätze. Das hätten wir auch normal und freundlich rüber bringen können. Die Denuntiationen aus FDP-Kreisen wegen angeblicher Leipziger Skandale oder Leserbriefe, die auch meine Familie angreifen – das hat mich getroffen, das hätte nicht sein müssen.

Fehling: Ich sehe diese Konfrontation so nicht. Ich finde, hier wird etwas aufgebauscht. Sie unterstellen mir, dass diese Leserbriefe und Vorwürfe aus FPD-Kreisen kommen. Aber das stimmt nicht. Und ich bin kein Babysitter für mündige Bürger, die ihre Meinung äußern.

Müller: Sie sind Kreisvorsitzender der FDP, da haben Sie eine Verantwortung...

Fehling: Das stimmt, aber nicht für Menschen, die nicht Mitglied der FDP sind. Außerdem bin ich zwar Mitglied der FDP, aber ich führe hier Wahlkampf als Hersfelder Bürger. Das haben Sie offenbar noch nicht verstanden, Herr Müller.

Müller: Sie hätten auch ein wenig Größe zeigen und sich bei mir entschuldigen können, aber das haben Sie nicht getan.

Auch Sie sind ja heftig attackiert worden, Herr Fehling. In Ihrem Blog schreiben Sie von Gerüchten, wonach Sie Alkoholiker sein sollen. Wo kommen solche Gerüchte her?

Fehling: Das kennen wir ja schon vom Wahlkampf 2007. Da wurde behauptet, ich sei schwul und war als Jugendlicher bei den Rechten. Kürzlich wurde mir sogar unterstellt, ich hätte ein uneheliches Kind. Alles völlig abstrus.

Müller: Ich finde solche Unterstellungen auch unmöglich.

Also keine Schmutzkampagne, aber Sie müssen schon die Unterschiede deutlich machen. Deshalb klar gefragt: Was können Sie, Herr Müller, besser als Herr Fehling?

Müller: Ich verfüge über bestimmte soziale Kompetenzen, die auch mit meiner Biografie als allein erziehender Vater zu tun haben. Deshalb habe ich das Thema Familienfreundlichkeit ganz oben auf meiner Agenda. Ich habe auf diesem Gebiet viele Erfahrungen, so habe ich ehrenamtlich eine Kindereinrichtung und ein Jugendzentrum mit geführt. Darüber hinaus komme ich eigentlich aus der Wirtschaftsförderung und kenne mich gut aus mit Steuern und rechtlichen Belangen. Ich bin nicht derjenige, der in Leipzig in Finanzskandale verwickelt war, sondern ich wurde hinterher als eine Art Feuerwehrmann hingeschickt, um Schaden abzuwenden. Außerdem bin ich ein erfahrener Stadtwerker und werde mich deshalb gegen jegliche Privatisierungen auf diesem Gebiet wehren.

Herr Fehling, was können Sie besser als Herr Müller?

Fehling: Für mich spricht meine regionale Verbundenheit. Ich kenne die lokalpolitischen Themen seit vielen Jahren. Diese Erfahrungen helfen mir, auf die Menschen zuzugehen, denn ich kenne ihre Probleme. Ich möchte gern eine neue politische Kultur nach der Ära Boehmer schaffen. Dabei hilft es, wenn man die Menschen vor Ort kennt. Die örtlichen Probleme schrecken mich nicht. Ich sehe das sehr gelassen, vor den Herausforderungen des Amtes ist mir nicht bange.

Müller: Wenn ich hier geboren wäre, hätte ich das sicher auch als Argument angeführt. Ich merke aber bei der Bevölkerung, dass diese Frage gar keine Rolle spielt. Die Bürger haben bisher immer Kandidaten von außen gewählt, weil sie um die Hersfelder Verhältnisse wissen und lieber jemand unbelasteten von außen wählen, als einen, der hier jahrelang mitgemischt hat.

Fehling: Sicher wäre die Herkunft allein zu wenig. Aber ich denke, im Paket stimmt mein Angebot an die Bürger. Ich verpflichte mich dazu, die Themen hundertprozentig anzugehen. Ich habe das über viele Jahre schon versucht, leider bin ich oft an der Mehrheitsfraktion gescheitert. Und übrigens war nicht jeder Bürgermeister, der von außen kam, auch ein Held.

Müller: Ich habe sehr lange über das Motto meines Wahlkampfs nachgedacht. Das Wort „Miteinander“ beschreibt jetzt genau das, was ich hier erreichen möchte. Wenn Herr Fehling beklagt, dass die Mehrheitsfraktion nicht genügend auf andere zugegangen ist, dann ist das etwas, was ich gern ändern möchte. Wenn ich gewählt werde, werde ich selbstverständlich auch auf Herrn Fehling zugehen.

Wie viel Gestaltungsspielräume hätten Sie aber eigentlich als Bürgermeister? Sie müssen doch in den nächsten Jahren erst mal die Projekte von Herrn Boehmer abarbeiten – zum Beispiel den Schilde-Park?

Müller: Das sehe ich nicht so. Natürlich müssen die Dinge, die angefangen wurden, zu Ende gebracht werden. Für mich ist deshalb wichtig, einen guten Rückhalt in der Stadtverordnetenversammlung zu haben. Aber es gibt auch viel Neues zu tun. Wenn ich mir nur die Kindereinrichtungen ansehe. Auf diesem Gebiet ist unglaublich viel zu tun. Die Kinderfreundlichkeit der Stadt ist für mich die Herausforderung Nummer eins. Sie ist auch ein wichtiger Faktor, um neue Unternehmen hier anzusiedeln und neue Einwohner zum Umzug in die Stadt zu ermuntern.

Fehling: Die Fakten sind aber anders. Die Stadt ist unter die 30 000 Einwohner-Grenze gefallen, davor habe ich schon 2007 gewarnt. Die Schulden wachsen, aber die Einwohnerzahlen sinken. Leider sehen viele junge Menschen hier keine Perspektiven. Mag ja sein, dass der Haushalt zurzeit ausgeglichen ist, aber die Langfrist-Indikatoren zeigen für die Zukunft in eine andere Richtung. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass wir die Kurve kriegen können. Aber dafür müssen wir viel verändern. Nur mit „weiter so“ wird es nicht gehen. Wir müssen es schaffen, dass junge Leute hierbleiben oder wieder zurückkehren. Dafür bin ich mit meiner Biografie ein gutes Beispiel.

Mein Wahlkampf- Motto „Miteinander“ beschreibt, was ich hier erreichen möchte.

Gunter Müller (SPD)

Ihr Schlusswort: Warum sollten die Bürger am 21. November zur Wahl gehen?

Fehling: Es geht bei der Wahl um eine ganze Menge. Wie soll sich die Stadt entwickeln? Wem traut man zu, diese Herausforderung zu bewältigen, die Stadt attraktiv als Arbeits- und Wohlfühlstadt erhalten und ausbauen zu können? Ich kann nur an die Bürger appellieren, ihren Teil beizutragen und die Weichen für die Zukunft zu stellen. Eine hohe Wahlbeteiligung gibt dem neuen Bürgermeister eine bessere Legitimation, im Parlament Mehrheiten zu finden und Entscheidungen umzusetzen.

Müller: Ich glaube, es wird eine sehr gute Wahlbeteiligung geben. Die Bürger haben die Wahl zwischen einem liberalen Politiker und einem Sozialdemokraten, der die Schwerpunkte neben der Wirtschaft auch im sozialen Bereich setzen will. Es geht um zwei unterschiedliche Ansätze und Kandidaten. Ich will miteinander Politik machen und setzte dabei nicht auf Konfrontation. Das wird die Wähler interessieren.

Wir hoffen es mit Ihnen. Vielen Dank für das Gespräch.

Von Karl Schönholtz und Kai A. Struthoff

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