Taugt eine Wurst als Mordwaffe? Der Kriminalschriftsteller Dr. Heiger Ostertag macht die Probe aufs Exempel

Der Tod und die Stracke

Überfall im Kettengässchen: Doch keine Sorge – Krimiautor Dr. Heiger Ostertag recherchiert nur. Abgesehen von seiner düstren Fantasie ist der Schriftsteller ein sehr netter Mensch. Foto: Jana Schiller

Tatort: Hersfelder Zeitung Der Kriminalschriftsteller Dr. Heiger Ostertag plant einen Mord. Und die altehrwürdige Hersfelder Zeitung wird im 250. Jahr ihres Bestehens zum Tatort. In dieser Woche war der Autor mal wieder zur Recherche in der Stadt. Bei der Redaktionskonferenz unserer Zeitung hielt er nach geeigneten Opfern Ausschau.

Seine düsteren Gedanken über die geeignete Mordwaffe hat er – als kleinen Vorgeschmack auf den eigentlichen Krimi, der im kommenden Jahr erscheinen soll – schon mal zu Papier gebracht.

Während er eine Serie von reizvollen Bikinibildern betrachtete und Tagträumen von sonnigen Stränden nachhing, kam Herbert plötzlich seine Gattin Hertha in den Sinn. Im Vergleich zu den in den Journalen gezeigten jungen Damen hatten sich Herthas Formen in den letzten Jahren sehr üppig entwickelt. Parallel dazu war auch ihre Befehlsgewalt gewachsen, wie er sich eingestehen musste. Eigentlich lebte er unter einem riesigen Pantoffel. Schön war das nicht. Herbert blätterte seufzend weiter. Er las selten, natürlich die örtliche Zeitung, sonst aber wenig. Daher machte die kleine Geschichte, auf die er nun stieß, einen besonderen Eindruck auf ihn. Es ging um Mord. Ein präziser Schlag mit einer gefrorenen Hammelkeule hatte ein gewisses Problem akkurat gelöst und dann war das Corpus delicti einfach in den Ofen geschoben und den Ermittlern vorgesetzt und verzehrt worden. Diese Art von Problemlösung ließe sich doch auch auf Hertha übertragen.

Eine Idee begann sich in seinem Kopf zu entwickeln, eine mordsmäßig gute, wie Herbert fand. Er stand auf und verließ hastig das Wartezimmer seines Arztes. Schnellen Schrittes eilte er zum Marktplatz, um in einem dort angesiedelten Fachgeschäft die von ihm erwählte Tatwaffe, eine Stracke, zu erwerben. Er wählte aus den dort hängenden Strackewürsten ein schweres, keulenförmiges Objekt, welches ihm ideal gerundet und bestens zum Schlag geeignet schien; obendrein war eine solche Stracke noch wohlschmeckend und nahrungsreich. Nachdem er den Kauf zu seiner Zufriedenheit erledigt hatte, überkamen Herbert plötzlich jähe Zweifel. Sollte er Hertha wirklich mit einer Stracken erlegen? Was, wenn die Waffe entgegen seinen Erwartungen sich als nicht hinreichend erwies? Schludereien durfte es in diesem Zusammenhang nicht geben, das war er Hertha nach bald zwanzig Jahren Ehe mehr als schuldig. Er musste sichergehen; Herbert überlegte ein wenig und entschied sich für eine kleine Testserie.

An einem der folgenden Augustabende schlich er sich also aus dem Haus und legte sich im schmalen Kettengässchen auf die Lauer. Es war gegen halb elf, als Herbert im Eingang zur Geschäftsstelle der „Grünen“ Deckung suchte. Er musste nicht lange warten, schon nach fünf Minuten kam ein Nachtschwärmer vorbei. Herbert holte aus und schlug zu; da bückte sich das Opfer, um einen Schnürsenkel zu binden. Der Schwung riss Herbert nach vorne, und er knallte gegen die gegenüberliegende Hausmauer. „Oh, Entschuldigung, ich habe Sie nicht gesehen“, sagte der Schnürsenkelbinder. „Haben Sie sich verletzt?“ Nein, das hatte Herbert nicht, nur die Stracke war entzwei.

Einmal war keinmal, und Herbert war kein Mensch, der so schnell aufgab. Am nächsten Tag besorgte er sich eine „Ahle Worscht“ vom Hof Hählgans, die ihm kräftiger erschien, verließ abends heimlich das Haus und legte sich erneut auf die Lauer. Diesmal am Durchgang vom Rathaus zum Kirchplatz und etwas früher, damit er sehen konnte, wen und was er erschlug. Als Vorsichtsmaßnahme zog Herbert heute eine Kapuzenjacke an, sicher war sicher. Gerade hatte er sich in der Nähe des Durchlasses auf der Kirchplatzseite postiert, da kam schon jemand auf ihn zu. Allerdings von der Kirche und somit von der falschen Seite. Es war eine fröhliche Rentnergruppe, die offenbar vorher im „Alten Brauhaus“ gewesen und entsprechend angeheitert war.
„Ah“, rief eine ältere Dame mit grauen Löckchen, „ein Kapuzenmann. Sagen Sie es gleich, Sie wollen uns überfallen. Wie aufregend!“
„Nein, das ist nicht meine Absicht“, beteuerte Herbert. „Glauben Sie mir!“ „Keine Ausflüchte, junger Mann“, mischte sich jetzt ein rüstiger Herr um die fünfundsiebzig ein. „Jeder Beruf ist ehrenwert und wenn Sie ein Räuber sind, seien Sie ein Mann und stehen Sie dazu.“ „Das ist ein Missverständnis“, rief Herbert im gedämpften Ton, denn soeben näherte sich der Kirche eine Polizeistreife. „Ich mache nur Reklame für“, er zögerte kurz, hielt dann aber geistesgegenwärtig die Wurst in die Luft, „für die gute Hersfelder Stracke“, fügte er lauter hinzu. „Wollen Sie ein Stück probieren?“

Aller guten Dinge sind drei. Am folgenden Tag besorgte Herbert die dritte Wurst. Er fuhr, um nicht aufzufallen, extra nach Reilos, einem Ortsteil von Ludwigsau, außerhalb der Stadt. Am späten Abend begab er sich erneut auf die Suche nach einem geeigneten Tatort. Diesmal entschied er sich für einen Platz in der Nähe der Abtei, wo er zur nächtlichen Stunde im Schatten der dunklen Mauern unterkroch. Hertha war heute viel später als sonst zu Bett gegangen, fast war es, als habe sie Verdacht geschöpft, doch dann fiel sie in ihren üblichen Schlaf, wie er bald deutlich hörte. Sachte stand er auf und verließ auf Zehenspitzen die Wohnung. Nun schlug es bereits halb zwölf, dann dreiviertel. Niemand zeigte sich, und Herbert wurde allmählich müde. Schließlich, er war kurz davor, gähnend den Heimweg anzutreten, kam eine einzelne Person um die Ecke. Es war ein großer, dicker Mann mit breiten Schultern. Herthas Masse erschien ihm von der Breite ähnlich zu sein, auch wenn der Bursche gefährlich aussah, war er die ideale Testperson. Als der Kerl seinen Schatten passierte, holte Herbert kräftig aus und schlug zu. Die Stracke traf den Dicken an der Schulter und zerbrach. „He, was soll das?“ Der Kerl drehte sich mit einer überraschenden Bewegung zu ihm hin. „Willst du Ärger?“, fragte der Hüne und kam bedrohlich auf ihn zu. „Nein, ein Irrtum. Ich habe Sie verwechselt“, rief Herbert, ließ das restliche Strackestück fallen und gab Fersengeld.

Zum Glück war er gut zu Fuß. Nach einem wilden Lauf kreuz und quer durch die nächtlich stillen Straßen gelang es ihm, in der Rittergasse den wütenden Verfolger abzuschütteln. Langsam und schwer atmend wanderte er die Weinstraße hoch zum Marktplatz zurück, in dessen Nähe seine Wohnung lag. Um sich zu beruhigen, kehrte Herbert noch auf einen Drink in der „Havana Bar“ ein. Als er am Tresen einen Pinky Colada schlürfte, schien ihm das ganze Vorhaben auf einmal völlig blödsinnig zu sein, zumal alle drei Testversuche daneben gegangen waren. Die Stracke taugte einfach nicht zur Mordwaffe! Dann würde er eben weiter mit Hertha und ihren Launen leben, entschied er großzügig. Eigentlich musste man sich nur ein wenig arrangieren und sich ihrem Willen beugen.

Nach dem nächsten Cocktail wankte Herbert zufrieden nach Hause. Es war halb zwei, als er vorsichtig die Tür aufschloss und in den dunklen Flur stolperte. „Du verdammter Herumtreiber!“ Ein fürchterlicher Schlag traf seinen Schädel und löste im Nu all seine Probleme. Ein Nudelholz besaß eine deutlich festere Konsistenz als eine Stracke, wie Hertha mit grimmigem Blick feststellte.

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