Tatort Internet: Interview mit einer Schulsozialarbeiterin über Online-Mobber ohne Deckmantel

Klickt sich durch die virtuellen Lebenswelten vieler Jugendlicher: Die Schulsozialarbeiterin Christine Fuchs-Hannappel weiß um die Gefahren, denen junge Menschen ins Netz gehen können.

Bad Hersfeld. Täglich betreten Jugendliche ihre zweite Lebenswelt: Das Internet. Über die Gefahren, die dort lauern, sprachen wir mit Christine Fuchs-Hannappel, Schulsozialarbeiterin an der Modellschule Obersberg.

Frau Fuchs-Hannappel, Beleidigungen kann ich einem Menschen ins Gesicht sagen. Ich kann sie aber auch am Computer eintippen und mit einem Klick im Netz verbreiten. Senkt das Internet die Hemmschwelle?

Christine Fuchs-Hannappel: Auf jeden Fall. Man hat kein Gegenüber und neigt zu glauben: Vielleicht erfährt mein Opfer nicht, dass ich das war.

Handys und Netz eröffnen eine neue Form Schikane: Sie ist anonymer. Ist sie auch verletzender?

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Fuchs-Hannappel: Ich denke schon. Ganz einfach, weil man nicht darauf reagieren kann. Oder, selbst wenn man reagiert, überhaupt nicht mehr den Personenkreis im ganzen Umfang erreicht, der über die Schikane schon Bescheid weiß. Man kann sich also weniger gut wehren als wenn man Mobbing real erfährt.

Im Internet erreicht ein solcher Angriff im Zweifel binnen weniger Sekunden tausend Menschen.

Fuchs-Hannappel: Nicht tausend, eher zig bis hunderte. Denn Mobbing passiert ja oft auf den Seiten in sozialen Netzwerken, auf die erstmal nur die Freunde Zugriff haben. Anders verhält sich das natürlich bei Videos, die Jugendliche bei Youtube oder anderen Foren online stellen.

Stellen Sie doch einmal anhand eines anonymisierten Beispiels dar, wie so etwas ablaufen kann.

Fuchs-Hannappel: Schüler überlegen sich: Wie diskrimiere ich einen Lehrer, den ich sowieso gefressen habe. Sie drehen ein verstecktes Video, das den Lehrer in einer ungünstigen Situation darstellt, verfälschen diese und stellen den Film ins Netz. Das ist ein ganz konkreter Fall, den wir hier an der Schule hatten. Wir haben sofort die Polizei eingeschaltet. Doch auch Schüler unterei- nander filmen Situationen, bei denen ein Schüler sehr schlecht wegkommt – und auch diese Videos finden sich wieder auf Youtube.

Wie greift die Schule in solchen Fällen ein?

Fuchs-Hannappel: Von seiten der Schule haben wir die Gefahren der Portale erkannt: Wir haben einen Schulfilter eingerichtet. Schüler und Schülerinnen können weder auf soziale Netzwerke zugreifen noch auf Seiten wie Youtube oder ähnliches. Die Schule möchte unter anderem verhindern, dass Schule der Startpunkt für Mobbing ist. Die Beratungslehrer und Schulsozialarbeiter aller Schulen sitzen in einer Arbeitsgruppe an einem Tisch und entwickeln Präventionsmaßnahmen. Außerdem: Wenn wir Cyber-Mobbing zur Kenntnis nehmen, schalten wir als Schule sofort die Polizei ein. Und das ist etwas, das Schüler und Schülerinnen unterschätzen.

Wähnt sich der Täter unter dem Deckmantel der Internet-Anonymität?

Fuchs-Hannappel: Die Polizei kann auf viele Seiten zugreifen, ist in der Lage, den Gesprächsverkehr aufzuzeichnen. Das sind Situationen, die sich Schüler nicht hätten träumen lassen. Täter und Opfer sind schockiert, wenn die Polizei den Gesprächsverkehr auf den Tisch legt - schriftlich festgehalten, für jeden von uns einsehbar. Verwischt das Internet das typische Phantombild des Täters?

Bei herkömmlichen Mobbing sind Täter oft scheinbare Draufgänger, Machos, auf den ersten Blick selbstbewusste Charaktere.

Fuchs-Hannappel: Das ist nicht unbedingt richtig. Täter sind oft gleichzeitig Opfer. Sie kommen aus Opfersituationen und geben den erfahrenen Druck weiter. Sie erniedrigen, weil sie sich selbst mal überlegen fühlen wollen. Das ist im Netz als auch im realen Leben so.

Mobbing ist nicht nur eine Angelegenheit zwischen Täter und Opfer, sondern ist ein Gruppenphänomen. Auch, oder vielleicht gerade im Netz?

Fuchs-Hannappel: Auch das Mitläuferprinzip gilt für das Netz. Mit dem Unterschied, dass die Gruppen im Internet wesentlich größer sind. Man hat da schnell eine große Fangemeinde zusammen, die über das Opfer lästert - und das ist gerade das Erniedrigende: Wie stehe ich vor all den anderen da?

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