80 junge Musiker auf großer Reise

Tagebuch aus Georgien: Die Ulli-Meiß-Chöre unterwegs

Neue exotische Ziele haben 80 Kinder und Jugendliche des Chores der Modell- und Gesamtschule Obersberg im Blick: Die georgische Hauptstadt Tiflis und bedeutende Weltkulturerbe-Stätten des christlichen Landes am Kaukasus warten auf die jungen Sänger. Eine Woche lang bereisen sie die Region. Wir berichten von dort in unserem georgischen Tagebuch.

Ulli-Meiß-Chöre unterwegs in Georgien

Tag 1

"Füße hoch"hieß es im Bus.

Am Sonntag brach die Gruppe mit zehn Begleitern um Chorleiter Ulli Meiß vom Flughafen München aus für eine Woche auf. Die Organisation der Konzerte in Georgien liegt in den Händen der Deutschen Schule Tiflis; gefördert wird die musikalische Botschaftsreise vom Auswärtigen Amt. Für die HZ begleitet Geschäftsführer Markus Pfromm als Förderer den Chor in seinem Urlaub. Und wie die betreuenden Lehrer auch auf eigene Kosten. Zur Entspannung hieß es im Bus zum Flughafen München „Alle Füße hoch“ – der Busfahrer trug es humorvoll mit Fassung.

Tag 2

Bei traumhaftem Sommerwetter sind die rund 80 jungen Musiker des Chores der Modell- und Gesamtschule Obersberg in der georgischen Hauptstadt Tiflis angekommen. Die Gruppe wohnt im Stadthotel „Prestige“ und fühlt sich dort wohl. Gewöhnungsbedürftig sind allerdings die Hinweisschilder, die in georgischen Schriftzeichen verfasst sind. Am Montag wurde die Gruppe herzlich in der Deutschen Schule in Tiflis begrüßt. Ganz besonders freute sich Norbert Kapfer, früherer Lehrer am Obersberg und seit einem Jahr Leiter der Schule in Tiflis über den Besuch. Die Schule unterstützt den Chor bei der Organisation der Konzerte und der Ausflüge. Viel Begeisterung löste ein Ständchen des Chores aus, der „Freude schöner Götterfunken“ sang. Mit drei Bussen ging es danach mittags zu einem Picknick im Stadtpark. Am Abend gab der Chor dann ein erstes Konzert in der Schulaula an einer renommierten Schule in Tiflis.

Tag 3

Die Erlebnisse vom Dienstag schildert Markus Pfromm aus seiner Sicht:

"Lebendig, fröhlich, frei, albern, frech, gewitzt – und dabei doch unglaublich diszipliniert, wenn es drauf ankommt. Ich werde in Georgien zum beeindruckten Zeugen für die Summe der nur scheinbar widersprüchlichen Eigenschaften, die den Charme und den Erfolg des Obersberg-Chors ausmachen. Und so ließ auch die stellvertretende Botschafterin Monika Lenhard beim gesungenen irischen Segen am Ende eines der Konzerte in Tiflis ihren Tränen der Rührung und Freude freien Lauf. Nicht deutschtümelnd, sondern international und weltoffen sei der Chor ein perfekter Repräsentant, sagte sie beeindruckt. Keine zwei Stunden später „rockte“ die muntere Truppe dann schon wieder ausgelassen die Tanzdiele eines angesagten Restaurants am Ufer des Stroms Mtkvari und riss nebenbei gleich ein Dutzend russischer Touristen mit. Gestern dann stand mit der früheren Hauptstadt Mzcheta und dem Kloster Djvari als Ensemble ein Unesco Weltkulturerbe auf dem Programm – die Jungs besonnen und die Mädels mit Kopftuch machten dann schon wieder ohne große Ansagen bella Figura, ganz unter dem Eindruck der majestätischen 5000er des kaukasischen Hochgebirges, die bei strahlendem Sonnenschein zum Greifen nah schienen."

Tag 4

HZ-Geschäftsführer Markus Pfromm (rechts) mit  Heinz Gengenbach von der deutschsprachigen Zeitung „Kaukasische Post“.

Entlang der Seidenstraße führte die Tour nach Rustavi. Das Stadttheater der Retortenstadt, die einst als zentrales Stahlwerk der früheren Sowjetunion diente, war beim Konzert restlos gefüllt. Gemeinsam mit einem hervorragenden regionalen Jugendchor boten unsere Musikbotschafter vom Obersberg ein Spitzenprogramm, das die Besucher von den Stühlen riss. Beim Buffet danach wurden Freundschaft, Frieden und die Schönheit Georgiens tüchtig begossen – natürlich nur von den über 18-jährigem, versteht sich. Am Rande gab es eine überraschende Begegnung mit der deutschsprachigen Zeitung „Kaukasische Post“. Die gibt es seit 1906. Freier Mitarbeiter Heinz Gengenbach, der eigentlich eine Beratungsmissionen für den Landesbetrieb Hessen Landwirtschaft in Georgien wahrnimmt, ist übrigens bekannt mit Klaus Wagner und Paul Wagener von der Anstalt Eichhof. Die Welt ist doch klein. 

Tag 5

Ehre, Frieden, Freundschaft: Ganz ohne Pathos geht es bei den Begrüßungen und Lobesworten rund um die Konzerte in Georgien nicht. Wie herzlich und anrührend einfach das mit der Völkerverständigung klappt, wurde unmittelbar nach dem Auftritt in der Parlamentsstadt Kutaisi deutlich. Ein georgischer Jugendlicher fasste sich im Schlussapplaus ein Herz, schnappte sich eine große Blume aus der Bühnendekoration und überreichte sie vor aller Augen mit Grandezza an Chorsängerin Alea Karsten. Mit großen Augen nahm sie die liebevolle Geste entgegen. Der gut erzogene junge Mann hatte übrigens Eike Pockrandt, der für das Goethe-Institut den Abend in der prächtigen Aula der 1. Öffentlichen Schule organisiert hatte, vorher um Erlaubnis gebeten. Chapeau! Alea hält die Blume und die Erinnerung in Ehren. Im kollektiven Gedächtnis der Gruppe wird der beeindruckende Besuch im erloschenen Vulkan Sataplia bleiben. Saurierspuren und eine Tropfsteinhöhle sorgten für ein urzeitlich-kaukasisches Kribbeln.

Tag 6

Ein herzliches „Gamarjoba“ sendet unsere muntere Truppe vom Wildwasser des weißen Flusses Aragvi in die ferne Heimat. Der Tagesgruß bedeutet aus dem Georgischen wörtlich übersetzt „Sei siegreich“. Nun, hier ist der wilde Kaukasus. Unser Abenteuerführer Soso bringt die Jungs und Mädels in der Natur mit Bewegungsspielen tüchtig auf Touren. Das macht Hunger auf selbst gegrillte Spieße. Nach so viel selbst gemachter Kultur darf es gerne mal ursprünglich sein. Das ist gut für die ohnehin gute Stimmung. Die hatte nach dem Klettern in der Höhlenfestung Uplistsiche einen Höhepunkt erreicht. Einhellige Meinung: Echt g ... Die Anlage liegt nur wenige Kilometer von Gori entfernt, dem Geburtsort von Stalin. Makaber – hier wirbt sogar ein Supermarkt mit dem überlebensgroßen Konterfei des menschenverachtenden Diktators, der fast die gesamte Intelligenz seines Landes eliminiert hat. Auch das ist Georgien. Ein Land voller Widersprüche, Schönheit und Nationalstolz. Und mit einer teils erdrückend offensichtlichen Armut. Davon zeugen etwa die Barracken am Straßenrand, wo über alten Kübeln schmackhaftes Rosinenbrot für ein paar Lari gebacken wird. Ob im Moment solcher Erlebnisse oder vielleicht mit der Distanz der Erinnerung, ist das für unsere jungen Leute eine prägende Erfahrung. Und auch für mich, der ich nach Ulli Meiß Stubenältester bin, wenn auch mit Einzelzimmer. Gemeinsam haben wir Kargi dro gavataret – eine gute Zeit.

Tag 7

Madloba - Danke! Alle Jugendlichen sind wieder sicher heimgekehrt. Eine gute Woche in Georgien hat der Chorgemeinschaft unvergessliche Erinnerungen geschenkt. Dass ich als mitreisender Kolumnist auf Erich Kästners Spuren wandeln und "Das fliegende Klassenzimmer" begleiten konnte, wurde auch für mich zur Bereicherung.

Etwas speziell ist es ja schon, "freiwillig" im Urlaub fremde Jugendliche mit einem Trupp Lehrer in ein nicht unbedingt komfortables Reiseland zu begleiten und dabei ein Mammutprogramm mit abzuspulen. Auch weil ich von Tag zu Tag selbstverständlicher zum akzeptierten Teil der Gemeinschaft werden und so den C(h)or(ps)geist spüren durfte, sage ich Madloba.

Danken möchte ich ebenfalls dafür, dass es angesichts der chaotischen Fahrweise - hupen statt bremsen - nicht zu einem Unfall kam. Dass wir mit Nadja, Nona und Georgi drei tolle georgische Reiseführer für ein touristisch noch ursprüngliches Land hatten. Dass uns bis auf einen Monsun-Tag in Kutaissi tolles Wetter für die Ausflüge beschert war. Und dass ich mich mit vielen georgischen Zuhörern in einigen magischen Konzertmomenten und bei spontanen, lebensfrohen Liedvorträgen in der Heimatsprache unseres Gastlandes auf Plätzen oder in Klöstern sehr berührt gefühlt habe. Madloba an Ulli Meiß, seine Kollegen und vor allem an die tolle muntere Truppe!

Rubriklistenbild: © Pfromm

Kommentare