Trotz Zeitnot im Pflegealltag: Regelmäßig ein Stück Lebensfreude für demente Menschen

Täglich zehn Minuten für die Seele

Satt und sauber – das ist das Wichtigste für verwirrte alte Menschen, viel mehr bekommen sie nicht mit. Was sagen Sie zu solchen Aussagen?

Ute Schmidt-Hackenberg: Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen agieren mit allen Sinnen und werden mit satt und sauber nicht bedient. Die Seele wird nie dement. Wir müssen etwas finden, was sie aufrichtet.

Sie haben ein Konzept entwickelt, die Zehn-Minuten-Aktivierung. Wie funktioniert sie?

Schmidt-Hackenberg: Wir müssen an das gelebte Leben der Menschen anknüpfen. Die alte Dame war eine tolle Hausfrau und eine gute Mutter. Das führen wir ihr in kleinen Sequenzen wieder vor Augen, nicht nur durch Worte, sondern durch Gegenstände.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Schmidt-Hackenberg: Wichtig ist, dass man etwas über den Menschen weiß. Einer Frau, die sehr gerne gekocht hat, kann man zum Beispiel einen alten Kartoffelschäler oder eine Bohnenschnitzelmaschine in die Hand geben, einem Herren einen Rasierpinsel, denn so haben sie einst angefangen. Wir vermitteln den Menschen, dass wir sie wertschätzen, dass wir wissen, wie tüchtig sie im Leben waren. Sie empfehlen einen sogenannten Aktivierungsschrank. Was gehört da hinein? Schmidt-Hackenberg: Eine gestickte Decke, die Flotte Lotte, Werkzeuge sollten darin sein, Wäschestücke oder auch Mullwindeln. Die muss die alte Dame in die Finger bekommen, denn die Haut wird nicht dement. Mottenkugeln: Die sprechen den Geruchssinn an. Es geht um Dinge, die einen Bezug zu ihrem Leben haben, etwa das Nadelkissen für die Schneiderin, das Hufeisen für den Schmied. Ein solcher Schrank pro Wohngruppe wäre gut. Worauf sollte man achten?

Schmidt-Hackenberg: Alle Sinne sollten angesprochen werden. Wichtig ist es, den dementen Menschen etwas in die Finger zu geben, damit sie spüren können. Sie sitzen die meiste Zeit tatenlos im Sessel, aber die Hände braucht man bis zum letzten Atemzug.

Welche Aktivitäten können Sie noch empfehlen?

Schmidt-Hackenberg: Singen zum Beispiel oder man kann alte Gedichte hervorholen. Die Menschen kannten früher kaum Radio oder ähnliches, sie haben selbst gesungen. Und Sie werden staunen, wie ein alter Herr zum Beispiel den „Osterspaziergang“ mit mehreren Strophen vorträgt. Das erfüllt ihn mit Stolz, und er strahlt noch am Abend.

In den Pflegeheimen fehlt das Personal, auch zu Hause ist die Zeit oft knapp. Wie kann das Problem gelöst werden?

Schmidt-Hackenberg: Das Dilemma ist im Augenblick schlecht aufzulösen. Trotz knapper Personaldecke sollte die Situation in den Pflegeheimen aber so organisiert werden, dass Pflegekräfte als Partner wirken können und den Bewohnern vor Augen führen, wie tüchtig sie waren. Angehörige und Ehrenamtliche müssen geschult werden, dass sie mit Freude diese Aufgabe übernehmen. Reichen denn zehn Minuten aus, um Wirkung zu erzielen?

Schmidt-Hackenberg: Zehn Minuten reichen durchaus, viel länger reicht die Aufmerksamkeit ohnehin nicht. Es sollte ein tägliches Ritual sein. Man kann die Methode in der Gruppe einsetzen oder auch bei einzelnen im Zimmer. Während ich den alten Herren wasche, kann er den Rasierpinsel in die Hände bekommen. Ich kann fragen und antworte selbst, wenn er nicht mehr sprechen kann. Mit einem solchen Pinsel hat er damals angefangen, sich zu rasieren.

Was möchen Sie mit Ihrer Methode erreichen?

Schmidt-Hackenberg: Angst und Langeweile sind große Probleme für Menschen mit Demenz. Sie können nur noch in die Vergangenheit gehen, eine aktive Zukunft haben sie nicht mehr zu erwarten. Sie leiden unter dem Gefühl, zu nichts mehr nütze zu sein. Beim Anblick der Gegenstände, beim Befühlen, Riechen und Hören geht in der Seele etwas auf. Sie spüren, dass sie stolz auf ihr Leben sein können, auf eine schöne Zeit.

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

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