HZ-Wochenendportrait: Christian Alexander Müller spielt den naiven Jo im Musical „Carmen“

Der sympathische Langweiler

Bad Hersfeld. Er wird von Carmen ausgenutzt und gemdemütigt: Johannis, genannt Jo, der angehende Beamte im Musical „Carmen“. Gespielt wird er von dem 30-jährigen Christian Alexander Müller, der sich in der Rolle als Langweiler sieht: „Der Jo, an dem geht man eigentlich vorbei.“

Jo stammt aus gutem Hause und verlobt sich mit seiner Freundin, der bodenständigen Marie. Doch dann lässt er sich von der wilden Prostituierten Carmen verführen, die sein jungenhafter Charme reizt.

Kritischer Punkt gesucht

„Für mich ist die Herausforderung, einen so naiven und unbedarften Charakter wie den Jo sympathisch rüberzubringen“ sagt Müller. „Und ihn nicht deppert wirken zu lassen, so dass die Zuschauer ihn auch mögen“, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu. Denn Jo gibt sich dem Traum von einer gemeinsamen Zukunft mit Carmen hin, während sie in ihm nur einen Beschützer und Zuhälter sieht. Warum es so schwierig ist, einen Langweiler zu spielen? „Als Darsteller sucht man in seiner Rolle immer das spannende, den kritischen Punkt. Bis Jo sich etwas traut, dauert es aber eine ganze Weile.“

Mit der klassichen Oper von Georges Bizet, die wiederum auf einer Novelle von Prosper Merimee basiert und Musical-Autorin Judith Kuckhardt als Grundlage diente, kennt Müller sich aus: Bereits mit zehn Jahren stand er in seiner Heimatstadt Chemnitz in der Oper Carmen als Teil eines Kinderchors auf der Bühne. „Ich muss aber gestehen, dass ich die Novelle noch immer nicht gelesen habe.“ Das verspricht der Darsteller, der schon mit 25 Jahren als jüngstes Phantom der Oper aller Zeiten am Essener Theater überzeugen konnte, nachzuholen.

„Ich muss gestehen, dass ich die Novelle „Carmen“ noch immer nicht gelesen habe.

christian a. Müller

Für seine Arbeit sei dies kein Manko, denn so habe er nicht die historischen Fassung im Kopf gehabt, sondern konnte sich ganz auf die Dialoge und Liedtexte des Musicals konzentrieren. Und das ist – im Gegensatz zur Oper – ein politisches Stück. „Mit dem Begriff Displaced Person konnte ich vorher überhaupt nichts anfangen“, sagt der Schauspieler mit der charismatischen schwarzen Brille. Gemeint sind damit Kriegsversprengte. Auch Carmen gehört zu deren Gruppe, die im Nachkriegsdeutschland der Inszenierung ihren Platz sucht.

Aus dem Langweiler wird ein Mörder. „Ein dramatisches Ende, womit wir bei der West Side Story wären“, sagt Müller und lacht. Mit diesem Musical und seiner tragischen Schlussszene kennt Müller sich ebenfalls aus. Im vergangenen Jahr erhielt er für seine Interpretation des Hauptdarstellers Tony in der Ruine den Zuschauerpreis. Bei der Wiederaufnahme der West Side Story ab dem 17. Juli ist er natürlich wieder dabei.

Von Sonja Broy

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