Fastenbrechen in der Moschee der türkisch-islamischen Gemeinde Bad Hersfeld

Süßer Tee bei guten Nachbarn

Fastenbrechen nach Sonnenuntergang: Die Frauen der türkisch-islamischen Gemeinde haben den ganzen Tag ihre leckersten Gerichte gekocht. Foto: Trebing

Bad Hersfeld. Langsam senkt sich der Abend über die Stadt. Durch den kleinen Hinterhof an der Dudenstraße ziehen verlockend-exotische Düfte. Töpfe klappern, Tische und Bänke werden aufgestellt. Doch bevor am Freitagabend nach Sonnenuntergang das Ramadan-Fasten gebrochen werden darf, versammeln sich die Gläubigen der Türkisch-Islamischen Gemeinde in ihrer Moschee.

Prachtvolle Teppiche bedecken den Boden, an den Wänden hängen Koransuren in arabischen Schriftzeichen. Es ist ein besonderer Freitag für die Gemeindemitglieder und ihren neuen Vorsitzenden Yalcin Solak. Erstmals sind deutsche Gäste zum traditionellen Fastenbrechen eingeladen. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth, Dekan Ulrich Brill, Stadtrat Heinz Georg Vierheller und andere Interessierte sitzen ohne Schuhe im Gebetsraum und lauschen dem fremdartig-wehmütigen Ruf zum Gebet.

„Wer ein Haus kauft, kauft die Nachbarn gleich mit“, zitiert Vorbeter Seyhit Güney eine orientalische Weisheit. Der Islam lege Wert auf Toleranz und Offenheit, deshalb habe man auch die deutschen Nachbarn eingeladen.

Seit Sonnenaufgang um 4. 39 Uhr in der Früh haben die Gläubigen weder getrunken noch gegessen. „Fasten bedeutet, die Seele zu reinigen, sich in die Hungernden dieser Welt hineinzuversetzen, sich moralisch und ethisch zu stärken“, erzählt Güney. Ramadan sei der Monat der Barmherzigkeit.

Ohne Scheu und voller Offenheit berichten die Muslime über ihren Glauben und ihre Traditionen. Das beeindruckt auch Michael Roth. „Sie sind Bewohner dieses Landes, Mitglieder dieser Gesellschaft – wir sind darauf angewiesen, uns besser kennenzulernen“, sagt er. Doch Roth nutzt die Gelegenheit auch, die türkischen Gastgeber an ihre Verpflichtungen zu erinnern. Dazu gehörten vor allem die Bildung und die Sprache. „Wir wollen, dass Ihre Kinder gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft werden, aber dazu müssen sie unsere Sprache lernen, denn nur so kann man sich austauschen, diskutieren und auch mal streiten“, mahnt er. Dennoch macht Roth zur Freude der türkischen Gastgeber deutlich, dass für ihn auch Moscheen „in die Mitte der Stadtgesellschaft gehören: Davor braucht man keine Angst zu haben“.

Auch Dekan Ulrich Brill betont das Verbindende – den Glauben an den gemeinsamen Vater, Abraham. „Über uns allen steht Gott, der Schöpfer“, sagte Brill. Ganz im Sinne der gelebten Barmherzigkeit im Ramadan überreichte die türkisch-islamische Gemeinde Brill einen Scheck über 150 Euro für die Bedürftigen der Bad Hersfelder Tafel.

Längst ist die Sonne hinter dem Horizont versunken, als dann das Fasten gebrochen wird: Hühner- und Linsensuppe, Rindfleisch- und Gemüsegerichte und eine verlockende Vielfalt von süßem Backwerk entschädigt für die Entbehrungen des Tages. Es wird ein langer Abend mit viel süßem Tee und offenen Gesprächen mit guten Nachbarn.

Von Kai A. Struthoff

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