Montagsinterview: Thomas Baumann (parteilos) ist seit 17 Jahren ein Bürgermeister, der unter Spannung steht

Sündenbock zu sein, gehört zu seinen Aufgaben

Friedlos. Er hat einen Job, um den sich zuletzt keiner mehr riss: Schon im 17. Jahr ist Thomas Baumann (55) Bürgermeister von Ludwigsau. Sein Alltag gleicht einer Baustelle mit Großprojekten: Im Norden drohen aus dem Riedeselwald Windräder, im Fuldatal steckt die Umgehungsstraße im Planungsstau und über alles ragen die Masten der neuen Stromautobahn Wahle-Mecklar. Ein Jahr vor dem Ende seiner dritten Amtszeit fragten wir:

Macht es Ihnen noch Spaß, Bürgermeister zu sein?

Thomas Baumann: Ich bin nicht unzufrieden. Immerhin habe ich mir meinen Beruf selbst auswählen können. Es gehört zu meiner Aufgabe, dass ich zeitweise als Sündenbock für die Entscheidungen anderer herhalten muss. Die Bürger brauchen ein Regulativ, bei dem sie ihre Beschwerden vortragen können. Immerhin prasseln unzählige Fragen auf die Menschen ein.

Sie bekommen ständig Hiebe, weil sich im Industriepark Mecklar/Meckbach nichts tut. .. Baumann: Das sehe ich nicht so. Nur nach außen bewegt sich hier nichts. Hinter den Kulissen sind wir kräftig an der Arbeit. Da ist es unsinnig, über Teiletappen zu berichten. Über ein Projekt muss man am Ende berichten. Und der Weg ist sehr lang. Iberdrola hat schon vor einem Jahr klar gesagt, dass man sich aus dem Projekt zurückziehen will.

So klar hat das aber kein Verantwortlicher transportiert...

Baumann: Ein Investor hat das Recht, sich zuerst selbst an die Öffentlichkeit zu wenden. Ich kann sagen, dass wir auf einem sehr guten Weg sind. Um das Ziel, den Bau des Kraftwerks, zu erreichen, müssen wir noch einige Hürden nehmen. Alle Akteure sind in der Lage, die Hindernisse zu überwinden, statt sie umzustoßen.

Nehmen wir an, dass es einen Spatenstich gibt. Welche europäische Fahne ziehen Sie neben der der Gemeinde, des Kreises und des Landes hoch?

Baumann: Harren wir der Dinge. Voraussichtlich ist die Farbe Rot dabei.

Wie stark hängt das Wohl und Wehe der Gemeinde am Industriepark?

Baumann: Es handelt sich um ein interkommunales Industriegelände – und wir als Gemeinde haben an dem Gelände einen kleinen Anteil von 9,8 Prozent. Der Landkreis besitzt 51 Prozent. Es geht hier nicht um die Vorteile einer kleinen Gemeinde, sondern um die Zukunft unseres Landkreises. Unsere Region erhält eine weitere wirtschaftliche Ausrichtung. Wir haben die Logistik in und um Bad Hersfeld, die Kaliwerke im Werratal und jetzt kommt der Bereich Energie hinzu. Wir haben das Umspannwerk bei Mecklar und wir werden Ziel der 380-kV-Leitung. Dazu gibt es neue Details, wenn der Regierungspräsident die Regionalversammlung angehört hat.

Minister Posch rammte mitten im Verfahren Pfähle ein. Machen die Behörden mit den Menschen, was sie wollen?

Baumann: Der Verdacht drängt sich auf. Beispielsweise hat sich der Netzbetreiber TenneT noch nicht dazu herabgelassen, mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Der Regierungspräsident hat einen Lösungsvorschlag präsentiert, der zumindest gewisse Vorteile für die Ortsteile Niederthalhausen, Oberthalhausen, die Höfe Trunsbach und Emrichsrode brächte. Dadurch werden bei der neuen Leitung die Mindestabstände eingehalten. Bei Hainrode und Ersrode wird die Leitung mit der Bahnstrom-Trasse gebündelt. Positiv ist, dass die vorhandene Leitung Mecklar-Borken auf diese siedlungsferne Trasse verschoben wird. Es ist ein Übel, aber etwas weniger übel als befürchtet.

Mitte August 2012 endet Ihre dritte Amtszeit. Treten Sie zur vierten Runde an?

Baumann: Mein Trend geht zum Ja. Arbeit habe ich genug für weitere sechs Jahre. Die abschließende Entscheidung steht noch aus. Schon beim letzten Mal habe ich gesagt, dass ich weitermache, wenn die Konstellationen stimmen und es meine Gesundheit zulässt. Wir alle sollen länger arbeiten. Und ich sehe mich schon seit 18 Jahren als Zeitarbeiter im Dienste der Ludwigsauer.

Von Kurt Hornickel

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