Sündenbock und Parteitagsrhetorik

Karl Schönholtz

Die Turbulenzen beim Hersfelder Kreisverband des Roten Kreuzes werden von den HZ-Lesern mit allergrößtem Interesse verfolgt. Das zeigen nicht zuletzt die Klick-Zahlen im Internet. Auch wenn man als Außenstehender nicht durchblickt, was da alles schief gelaufen sein muss, um mit annähernd neun Millionen Euro in Schieflage zu geraten, so ist schon alleine die Tatsache, dass es passiert ist, erschreckend. Und natürlich geht es hier auch um Schuld und Verantwortung im persönlichen Bereich. Dabei allerdings ist Vorsicht angebracht: Der flugs gekündigte Geschäftsführer hat sich in der ersten Runde vor dem Arbeitsgericht erfolgreich gegen die Rolle des Sündenbocks wehren können und trotz einiger festgestellter Fehler klar gewonnen. Was vielleicht jetzt noch im Rahmen des Insolvenzverfahrens ausgegraben wird, bedarf dann einer weiteren juristischen Würdigung. Also: Abwarten!

Parteitage haben ihre eigene Dynamik, denn ein Stück weit feiert man sich ja immer selbst. Das war jetzt bei der großen Bundes-SPD der Fall und auch bei der kleinen Hersfelder CDU, die zwar noch immer keinen neuen Vorstand hat, aber dafür eine interessante Perspektive. Schmunzeln durfte man jedoch über den Bericht aus der Stadtverordneten-Fraktion. Die wehrt sich einerseits gegen den Ruf als notorischer Nein-Sager und delektiert sich andererseits an den vermeintlichen Sünden, die der politische Gegner in der Vergangenheit verbrochen hat. Im Eifer des Gefechts wird dabei noch dicker aufgetragen als erforderlich: Aus sieben Stunden Ausschusssitzung werden ohne Not acht, aus den 120 000 Besuchern, die fürs erste „Wortreich“-Jahr prognostiziert waren, werden 150 000, und weil Fremdwörter immer gut klingen, fällt dann der unsinnige Begriff der „Private-Private-Partnership“. Das Schöne an solcher Parteitagsrhetorik ist für den Redner, dass mit Widerspruch aus dem freudig zustimmenden Publikum nicht zu rechnen ist.

In einem dicken Haushaltsplan wie dem der Stadt Bad Hersfeld stecken hinter einzelnen Positionen mitunter kleine Geschichten. So wunderten sich die Stadtverordneten im Ausschuss, warum für den Unterabschnitt „Ausschmückungen“ auf einmal 47 000 Euro veranschlagt wurden anstatt der knapp 30 000 wie bisher. Eine berechtigte Frage, denn aus der Antwort ergab sich, dass es um die Weihnachtsbeleuchtung in der Fußgängerzone ging. Hier haben sich die Verspannungen, an denen die Lichtergirlanden aufgehängt sind, in einigen Fällen gelockert, sodass die Dekoration auch mal herunter fiel. Jetzt muss das alles von einer Fachfirma überprüft und gegebenenfalls repariert werden. Und das kostet eben – allerdings nur einmal, sodass im Haushalt 2014 wohl wieder der niedrigere Ansatz stehen wird.

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