Dr. Stefan Alles untersucht in Bad Hersfeld handbeschriebene Pergamente

Ein Stückchen Mittelalter im Stadtarchiv

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Zeigen die handbeschriebenen Pergamente aus dem Mittelalter – einmal als Einband, einmal bereits gelöst: Jürgen Wolff, Dr. Stefan Alles, Johannes van Horrick und Gerhard Kraft (von links).  

Bad Hersfeld. Einen kleinen Schatz birgt das Bad Hersfelder Stadtarchiv – in Form von alten Tierhäuten. Mehrere hundert handbeschriebene Pergamente gewähren Einblicke in das Mittelalter und das Bad Hersfelder Klosterleben.

Entdeckt wurden die historisch bedeutenden Fragmente als Einbände von Büchern und Akten aus späteren Jahren. So wurden zum Beispiel Hospital-Rechnungen von 1636 von einem noch viel älteren Loblied geschützt.

Gesichtet und bearbeitet werden die Pergamente seit einigen Wochen ehrenamtlich von Dr. Stefan Alles aus Sieglos. Der 34-Jährige hat in Marburg mittelalterliche Geschichte studiert und über die beiden Mönche Lampert von Hersfeld sowie Eberhard von Fulda promoviert. „Das osthessische Mittelalter ist Alles’ Spezialgebiet“, freut sich Bauamtsleiter und Denkmalpfleger Johannes van Horrick als Leiter des Stadtarchivs, das ansonsten nur von Ehrenamtlichen betreut wird.

„Nach der Reformation bestand an bestimmten Werken kein Interesse mehr. Aber Pergament war kostbar und auch stärker als normales Papier“, erklärt Alles die Zweitverwertung. Von mittelalterlichem Recycling spricht augenzwinkernd Jürgen Wolff, ebenfalls ehrenamtlicher Mitarbeiter im Hersfelder Archiv.

Für Laien sind die lateinischen Texte auf den mittelalterlichen Pergamenten kaum bis gar nicht zu entziffern. Zu unterscheiden sind grob drei Schrifttypen, die eine Orientierung für die zeitliche Einordnung bieten.

Drei Schrifttypen

Die sehr verschnörkelte angelsächsische Minuskel wurde bis etwa 820 von Klostergründer Lullus und seinem Gefolge benutzt und war auch in Fulda üblich. Als einheitliche Schrift im Frankenreich setzte sich danach die karolingische Minuskel durch, die einfacher zu lesen war. Ende des zwölften Jahrhunderts kam der Übergang zur gothischen Schrift, deren Buchstaben eher eckig sind.

An manchen Stellen fehlen Buchstaben, Wörter oder ganze Textpassagen. „Viele Wörter wurden auch abgekürzt, um Papier zu sparen“, weiß Dr. Alles. Die Textteile zu rekonstruieren, findet der Historiker spannend. Zu jedem Stück verfasst der 34-Jährige eine Art Steckbrief – eine äußerst kleinteilige Arbeit, bei der nicht nur Fachwissen, sondern auch Konzentration gefragt ist.

„Wenn es um die Stadtgeschichte Hersfelds geht, stehen meist Luther, Zuse und Duden im Fokus“, sagt Alles mit Blick auf seine Arbeit. „Das wird der langen Historie eigentlich nicht gerecht.“

Öffentliche Ausstellung

Etwa einhundert in mittelalterliche Schriften eingebundenen Bücher befinden sich im Stadtarchiv. Was mit den zeitgeschichtlichen Dokumenten nun passieren soll? Ehrenamtsarchivar Gerhard Kraft denkt an eine öffentliche Ausstellung, und dieser Idee sind auch seine Mitstreiter nicht abgeneigt.

Noch nicht einig ist man sich indes darüber, ob alle Einbände gelöst und bearbeitet werden sollen oder einige Exemplare im Ganzen erhalten bleiben sollen. Auf Dr. Stefan Alles wartet so oder so erstmal noch einiges an freiwilliger wissenschaftlicher „Detektivarbeit“.

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