Montagsinterview mit Prof. Dr. Matthias Willems von der Fachhochschule Mittelhessen

Studium mit Perspektiven

Bad Hersfeld. Seit gut einem Jahr gibt es im Schilde-Park die Außenstelle der Technischen Fachhochschule Mittelhessen (THM) mit inzwischen 69 Studenten. Kai A. Struthoff sprach mit dem Geschäftsführenden Direktor Professor Dr. Matthias Willems.

Herr Professor Willems, ist Bad Hersfeld inzwischen ein richtiger Hochschulstandort?

Prof. Dr. Matthias Willems: Gießen und Friedberg sind unsere klassischen Standorte, inzwischen ist auch Wetzlar ein offizieller Hochschulstandort mit über 600 Studierenden. Bad Hersfeld ist eine Außenstelle mit guten Entwicklungsperspektiven.

Hochschulen und Universitäten verbindet man meist mit einem Campus, vielen jungen Leuten, Bibliotheken, Laboren und Lehrwerkstätten. Wie funktioniert das hier?

Prof. Dr. Willems: Die großen Hochschulstandorte sind in Gießen und Friedberg, aber wir können über ein Bücher-Budget jedes Semester Fachliteratur anschaffen, die die Studenten auch oft behalten können. Außerdem kann man online per Internet auf die Bibliothek zugreifen. Auch die Laborarbeit, etwa für Ingenieure, kann mit dem Computer simuliert werden. Zusätzlich gibt es aber auch Veranstaltungen in den Laboren in Gießen oder Friedberg. Außerdem gibt es im dualen Studium ja den Praxisbezug in den heimischen Betrieben.

Wie unterscheiden sich die „dualen Studenten“ von ihren Kommilitonen, die ein herkömmliches Studium absolvieren?

Prof. Dr. Willems: Sie sind oft zielstrebiger und vielleicht auch etwas reifer, weil sie in den Praxisphasen immer wieder mit der realen Arbeitswelt konfrontiert werden. Trotzdem gibt es auch hier ein reges Studentenleben neben den Vorlesungen. Das ist vielleicht sogar ausgeprägter als an großen Universitäten, weil hier die Gruppen überschaubarer sind.

Sind Sie mit dem Standort hier am Schildepark zufrieden?

Prof. Dr. Willems: Wenn etwas schnell aufgebaut wird, muss man auch improvisieren. Wir haben uns mit dem Baulärm arrangiert. Auch die Parkplatzsituation für die Studenten könnte verbessert werden, dazu sind wir im Gespräch mit der Stadt. Wir fühlen uns Fraktions-übergreifend von der Stadt gut unterstützt, alle sind von der Hochschulidee begeistert.

Ein Studienschwerpunkt ist das Logistik-Management. Viele sprechen immer noch abfällig von Päckchenpackern. Was gibt es denn da zu studieren?

Prof. Dr. Willems: Auch in der Logistik gibt es verschiedene Berufsgruppen. Gerade unsere Logistik-Studenten haben gute Berufsperspektiven. Die Prozessabläufe in der Logistik sind intellektuell und sehr anspruchsvoll. Der Stellenwert der Logistik steigt in den Firmen, weil es viele Optimierungspotenziale der Lagerhaltung und Arbeitsabläufe gibt.

Sie werben bei den heimischen Firmen immer noch um Unterstützung für die Hochschule. Bislang kooperieren Sie mit 13 Firmen. Das erscheint mir sehr wenig ...

Prof. Dr. Willems: Das ist wenig! Im Lahn-Dill-Kreis, wo wir seit zehn Jahren aktiv sind, haben wir 150 Firmen, allein in Wetzlar sind es 60 Firmen. Hier müssen wir noch an unserer Bekanntheit arbeiten. Wir besuchen pro Jahr allein 70 Schulen. Den Firmen fehlt bislang auch die Erfahrung, dass sich die Investition in die jungen Leute für sie lohnt. Das muss kontinuierlich wachsen.

Ist so ein duales Studium für die Studenten nicht sehr anstrengend? Wenn sie zurück in die Betriebe gehen, haben ihre Kommilitonen Semesterferien.

Prof. Dr. Willems: Ja, sie sind permanent gefordert. Dafür haben sie aber auch schon eine Ausbildungsvergütung und müssen nicht nebenbei jobben.

Welche neuen Studiengänge sind in Bad Hersfeld denn noch denkbar. Gesundheitsmanagement war mal im Gespräch ...

Prof. Dr. Willems: Das ist noch ein relativ neuer Studiengang, mit dem wir in Wetzlar erst vor einem Jahr begonnen haben. Wenn es hier den Bedarf gibt, könnten wir darüber nachdenken. Über neue Studiengänge entscheiden wir aber nicht allein, sondern gemeinsam mit unserem Kuratorium und den Unternehmensvertretern. Dabei richten wir uns nach dem Bedarf vor Ort. Potenzial sollte hier das Betriebswirtschaftsstudium mit Schwerpunkt Mittelstandsmanagement haben.

Was raten Sie einem jungen Menschen aus der Region, der sich fragt, ob er weggehen soll, um in einer Uni-Stadt zu studieren, oder ob er hier bleiben soll?

Prof. Dr. Willems: Wichtig ist, etwas zu tun, was einem Spaß macht. Wer gern handwerklich arbeitet, sollte vielleicht einen Ausbildungsberuf ergreifen. Wen abstrakte, akademische Themen interessieren, für den ist ein Uni-Studium das richtige. Wer aber gern praxisnah und auch theoretisch arbeitet und gern in der Region bleiben möchte, der sollte ein duales Studium anstreben.

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