Heulende Dampfloks: Eine neue Ära der Bahngeschichte begann am 8. März 1963

Mit Strom auf der Schiene

Die geschmückte Lok macht Halt in Bad Hersfeld: Warum auf diesem Foto keine freudig winkende Menschenmenge den ersten elektrifizierten Zug begrüßt, ist uns nicht bekannt. Repro:  Apel

Bebra/Bad Hersfeld. Heulende Dampflokomotiven begrüßten in Bebra die erste E-Lok, die am 8. März 1963 mit Tannengirlanden und bunten Papierblumen geschmückt von Fulda aus auf die neu elektrifizierte Nord-Süd-Strecke gegangen war. Es war eine E-Lok 41/315, Baujahr 1963 in Kassel, die den Zug über die 56 Kilometer lange Strecke von Fulda nach Bebra zog, berichtete damals die Hessische Allgemeine.

Bundesbahndirektionspräsident Dr. Manfred Rabes aus Kassel hatte in Fulda um 11.03 Uhr selbst die Signalkelle zur Abfahrt gehoben. Wie knapp 100 Jahre zuvor bei der ersten Dampflok standen viele Menschen, darunter auch ganze Schulklassen an der Strecke und winkten mit Fähnchen.

Die Sorgen waren vor 50 Jahren nicht anders als heute. Der damalige Bebraer Bürgermeister Adolf Birkelbach erklärte gegenüber der Hessischen Allgemeinen: „In der Eisenbahnerstadt Bebra werden wir die Zweifel nicht ganz los, dass die Elektrifizierung doch zu Arbeitsplatzeinsparungen führen könnte. Das wäre tragisch für Bebra, das die Eisenbahn immer noch als seinen größten Betrieb ansieht.“

Birkelbach bat im Zeichen der Elektrifizierung um Überlassung neuer Aufgaben für die Eisenbahnerstadt Bebra und zugleich auch darum, der guten alten Dampflok in Bebra ein Denkmal zu setzen.

Pünktlichkeit war der Bahn schon damals sehr wichtig. Doch die Einhaltung des Fahrplans war an diesem Tag besonders schwierig. Denn auf den Bahnhöfen zwischen Fulda und Bebra spielten die Kapellen des Bundesbahnsozialwerks, sprachen Landräte und Bürgermeister, während sich die Zugleitung bemühte, den offiziellen Fahrplan einzuhalten.

Präsident schwingt die Kelle

Viele Menschen wollten sich das bedeutende Ereignis nicht entgehen lassen: Einfahrt des mit Tannengrün geschmückten elektrisch betriebenen Zuges in Bebra am 8. März 1963. Zur Begrüßung heulten die Dampfloks.  Foto:  Stadtarchiv Bebra

In Fulda hatten das Fernsehen und die Fotografen bereits eine Verspätung von drei Minuten verursacht, weil sie den Präsidenten mehrfach mit der Signalkelle abwinken ließen.

Dass die Elektrifizierung der Strecke überhaupt pünktlich fertig wurde, war nur dem besonderen Einsatz der Arbeiter zu verdanken. Trotz schwierigster Arbeitsbedingung im harten Winter 1962/63 und unter voller Aufrechterhaltung des Zugbetriebes auf der Nord-Süd-Strecke vor allem bei den schwierigen Tunnelumbauten habe man die Termine einhalten können, freute sich Bundesbahnoberrat Bessiegel.

„Was es bedeutet, zum Beispiel bei 15 Grad unter Null mit klammen Fingern an einer Oberleitung zu arbeiten, kann wohl nur ermessen, wer selbst mit dabei war“, sagte Bessiegel.

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

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