Ein Besuch auf den Autobahnbaustellen der Firma Hermann Kirchner in Polen

Straßen ohne Grenzen

Bad Hersfeld/Lodz. Erst aus der Luft lässt sich die ganze Dimension des Projekts erahnen. Pilot Karl Schott vom Motor--Flieger-Club am Johannesberg lässt die viersitzige Cirrus-Maschine über die Tragfläche abkippen. Der Magen hüpft. Schnurgerade bis zum Horizont erstreckt sich unter uns das 100 Kilometer lange Betonband der neuen Autobahn A2, die schon bald Berlin mit Warschau und Weißrussland verbinden soll.

Der 30-jährige Jakub Gluchowski macht eifrig Fotos. Auch für ihn ist der Flug eine gute Gelegenheit, den Baufortschritt zu dokumentieren. Der junge Pole ist stellvertretender Projektleiter und arbeitet seit sechs Jahren für Kirchner Polska. Gemeinsam mit Projektleiter Hubertus Otto, der aus dem Spreewald stammt, ist er für die Baustelle verantwortlich. „Ein Ausnahmeprojekt, so was gibt es nirgendwo sonst in Europa“, sagt Hubertus Otto, als die kleine Maschine, die die Firma Kirchner eigens in Bad Hersfeld gechartert hat, nach dem Rundflug wieder gelandet ist.

Ein Ausnahmeprojekt – fürwahr, das belegen schon die schieren Zahlen. Das Auftragsvolumen des Kirchner-Abschnitts liegt bei 100 Millionen Euro für 24,5 Kilometer Straße. Millionen Kubikmeter Erde werden bewegt. 90 Baumaschinen. 200 bis 300 Arbeiter sind auf der Baustelle im Einsatz.

In Deutschland gibt es rund 12 000 Kilometer Autobahnen, in Polen sind es bislang nur 2000 Kilometer. „Bei uns gab es lange Zeit ja kaum Autos“, erklärt Jakub Gluchowski den Grund für den ungeheuren Nachholbedarf der Polen. Seit dem EU-Beitritt und im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2012 wird in Polen gebaut, was das Zeug hält. Ziel ist es, 3000 Kilometer Autobahnen und Schnellstraßen aus dem Boden zu stampfen.

Der „radikale Ausbau der Infrastruktur“ ist dank sprudelnder EU-Finanzquellen möglich – und bitter nötig. Polen liegt in der Verkehrsunfallstatistik ganz vorn in Europa. Am Straßenrand sieht man Schilder, auf denen die Verkehrstoten gezählt werden. Die Straßen sind in einem desolaten Zustand und dem enorm steigenden Verkehrsaufkommen nicht gewachsen. Sichere Einmündungen, Brücken und Unterführungen fehlen fast überall. Dafür wird gerast, was das Zeug hält, wenn man nicht im Stau steckt.

Boom auch in Lodz

Auch Tyberiusz, der Fahrer der Kirchner-Zentrale in Lodz, fährt einen heißen Reifen, als er die Gäste aus Bad Hersfeld nach der Landung durch den Berufsverkehr in die schmucklose Firmenzentrale der ulica agiewnicka fährt. Obwohl längst Feierabend ist, brennt bei Kalkulator Adam Haska noch Licht. Er hat viel zu rechnen. Der junge Mann mit polnischen Wurzeln stammt aus Bad Hersfeld und hat seinen Abschluss an den Beruflichen Schulen in Bebra gemacht. Im Geist bewegt er viele Kubikmeter Erde, berechnet Brückenbauwerke und Betonmengen. Er hat einen der wichtigsten Jobs bei Kirchner Polska: Wenn er sich verrechnet, wird"s teuer. „Ich vermisse nur das Lullusfest und meine Freunde“, erzählt Haska. Viel Zeit für Heimweh bleibt ihm nicht. Dabei hat Lodz viel zu bieten.

Vor allem die reiche jüdische Geschichte, die im Dritten Reich ausgelöscht wurde. Früher war Lodz ein Zentrum der Textilindustrie. Inzwischen erstrahlen viele der alten Industriellenvillen in neuem Glanz. In alten Fabrikhallen sind schicke Einkaufszentren entstanden. Auch hier ist der Wirtschaftsboom überall spürbar.

„Wir brauchten keine Autobahnen, in Polen gab es ja lange Zeit kaum Autos.“

Jakub Gluchowski

Am nächsten Morgen nimmt die Cirrus Kurs auf das süd-polnische Bielsko-Biala. Hendrik van Leest aus Berlin leitet hier eines der größten Kirchner-Projekte in Polen mit einem Volumen von 300 Millionen Euro. „Wir bauen hier ein kleines Hermsdorfer Kreuz“, sagt Bereichsleiter Sven Naupold und spielt damit auf die Anfänge der Firma Kirchner an. Eine neue Autobahntrasse mit vielen Brückenbauwerken wird mitten durch die 175 000 Einwohner-Stadt im Talkessel geschlagen. Bäume werden gerodet, Laubensiedlungen platt gemacht, Bäche verlegt. „Terra-Forming“ nennt Naupold das. „Die Landschaft verändert sich durch den Bau total“ – und man spürt bei ihm ein gewisses Unbehagen. Doch die Bagger müssen rollen. Der harte, schlesische Winter naht. Der Termin drückt.

Überall gilt EU-Recht, die Behörden überwachen die Einhaltung. Jeder Tag ist ein neues Feilschen um Baugenehmigungen. Im Oktober 2011 soll die Magistrale fertig sein. Noch endet sie irgendwo im Nirwana. Denn die Anschlussstrecke ist noch nicht projektiert. In Polen gibt es noch viel zu tun.

Von Kai A. Struthoff

Kommentare