Eine Stunde auf Lolls: Der Nachmittag im Fahrgeschäft der Schaustellerfamilie Distel

Stoßzeit am Autoskooter

Heiner Distel sitzt an der Kasse des Autoskooters auf dem Lullusfest. Er verkauft die Chips und steuert den Betrieb. Neben ihm liegen die Plastikbeutel mit acht Chips. Sie sind bei Jugendlichen besonders begehrt, sind ein regelrechtes Statussymbol. Foto: Janz

Bad Hersfeld. Der Jugendliche legt wortlos einen Geldschein auf den Tisch. Die weiße Jacke bläht sich wie ein Ballon. Die Jeans hängt in den Knien. Auf der anderen Seite der Scheibe deutet Heiner Distel auf einen Plastikbeutel mit acht rosa Fahrchips. Ein Nicken. Heiner Distel schiebt die Chips rüber und steckt die zehn Euro in das Fach vor seinem Bauch. Im Gehen legt der Junge den Arm um seine Freundin. Erst nach zehn Minuten steigen sie in einen freien Autoskooter.

„Bitte und Danke gewöhnt man sich gleich am ersten Tag ab“, sagt Heiner Distel. Die meisten Kunden hörten es ohnehin nicht. Aus den Boxen tönt Jessy Matadors Sommerhit „Allez Ola Olé!“ – zum 178. Mal in dieser Saison. Dazu laute Musik von den Nachbarn und der dauerredende Losverkäufer von nebenan. Höflichkeit ist fehl am Platz. Die meisten sagen nur „vier Chips“. Wer es passend hat, zahlt sprachlos.

Heiner Distel ist Juniorchef des Autoskooters auf dem Lullusfest. Die Münchner Schaustellerfamilie kommt seit über 60 Jahren zu Lolls.

Der 30-Jährige sitzt in einem großen Bürosessel. Hinter ihm steht Mutter Belinda Distel am Folienschweißgerät. Sie tütet Chips ein. Vorbereitung für den Abend, wenn die Jugendlichen kommen. „Für die ist so ein Tütchen ein Statussymbol“, sagt Heiner Distel.

Die Zeit der Familien

Aber es ist erst halb fünf. Jetzt ist die Zeit der Familien. Väter steuern die bunten Elektroboliden und ihre Kinder vorsichtig durch den dichten Verkehr. Ältere Kinder sitzen schon mal allein am Steuer.

Natürlich sind auch viele Jugendliche da, aber sie prägen noch nicht das Bild. „Uns hängt noch immer der Ruf des Fahrgeschäfts für Halbstarke nach“, sagt Heiner Distel. Aber das habe sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert.

Die Hände hält er ständig über der Tischplatte. Den Betrieb steuert er mit den Füßen. Ein Pedal lässt das Signal tröten, ein Pedal startet die nächste Fahrt. Die Dauer ist fest eingestellt. „Bitte Vorsicht, es geht los. Wir starten wieder“, sagt Heiner Distel in das Mikrofon vor sich. Seine Augen suchen konzentriert die Fahrfläche ab. Dann ein leises Kommando ins Mikrofon: „Schwarzer Wagen, Kind festmachen.“

Sein Mitarbeiter Bogdan Anton hat verstanden. Der Rumäne in der knallblauen Jacke mit Distel-Logo ist seit drei Monaten dabei. Zielstrebig springt er zu einem Auto, in dem eine Mutter mit ihrem Sohn sitzt. Behutsam legt er dem blonden Jungen den Gurt um. Sein Kollege Angelo Aduaru – auch ein Rumäne – setzt sich die ganze Fahrt zu einem Mädchen. Sie schafft es noch nicht, den Autoskooter allein zu lenken.

Es geht auf sechs Uhr zu. Einige Autos stehen leer in den Ecken. Die Familien gehen nach Hause. Eine kurze Verschnaufpause für Heiner Distel und seine Mitarbeiter. Am Abend kommt die Jugend.

Von Marcus Janz

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