250 Dinge, die wir an der Region mögen (52): Die Schenklengsfelder Grabsteine

Steine bilden das Leben ab

Der historische Friedhof von Schenklengsfeld ist sehenswert wegen der Fülle der erhaltenen Grabsteine aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Fotos: Miehe

Schenklengsfeld. Während in einigen Gemeinden unserer Region bei der Kirche oder auf dem Friedhof auch ein paar alte Grabsteine aufgestellt und somit vor dem Verfall bewahrt wurden, findet man in Schenklengsfeld auf dem alten Friedhof noch über 250 Steine aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Diese außergewöhnliche Anhäufung von alten Steinen wurde Anfang der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts auf Initiative von Prof. Bleibaum, Vorsitzender des Hessischen Heimatbundes, zu einer einzigartigen Anlage zusammengestellt. Die zuvor wüst herumliegenden Steine wurden aufgerichtet und somit für die Nachwelt erhalten. Dies war ein sehr lobenswertes Unterfangen, da die Grabsteine hochwertige Kulturdenkmale sind. Geben sie doch Aufschluss über die ländliche Grabmalgestaltung im 18. und 19. Jahrhundert.

Reliefartig abgebildet

Als Besonderheit lässt sich von diesen entnehmen, dass man die Verstorbenen, oft noch mit Angehörigen, reliefartig abgebildet hat, und zwar in der damals üblichen Kleidungsweise. So kann man von den Reliefs wertvolle Hinweise auf das Kleidungsverhalten unserer Vorfahren ableiten. Mit einem geschulten Blick lässt sich zum Beispiel entnehmen, dass die Männer nach 1850 meist mit langen Hosen abgebildet wurden, während sie vorher Kniehosen trugen. Demzufolge kann man davon ausgehen, dass die Landecker die alte barocke Mode mit Kniehosen und Dreispitz erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts abgelegt haben – das städtische Bürgertum legte diese Mode bereits nach 1800 ab.

Sehr gut ist auf diesem Grabstein die ganze Familie zu erkennen. Der Mann trägt eine Kniehose und einen Napoleonhut. Offenbar hatte die Familie auch den Tod von zwei Säuglingen zu beklagen.

Die langen Hosen, Pantalons genannt, waren als Mode von Paris ausgehend auch von den Bürgern der deutschen Städte, zunächst in den größeren, später auch in den kleineren Landstädtchen wie Hersfeld, aufgenommen worden. Die Landbevölkerung beharrte aber noch einige Jahrzehnte länger bei der alten Mode, von Region zu Region verschieden lang. Da die Kleidung der Verstorbenen detailgetreu abgebildet wurde – jeder Knopf, jede Falte ist zu erkennen – sind die Grabsteinreliefs wertvolle Dokumente für die Kleidungsforschung.

Kulturdenkmäler

Neben der eingehenden Darstellung der Kleidung, geben die Grabsteine auch Aufschluss über die damalige ornarnentale Gestaltung der ländlichen Sepulkralkultur. Somit sind die Grabsteine hochwertige Kulturdenkmäler, die Vieles über die Lebensweise und das Kulturschaffen unserer Vorfahren transparent machen. Der Gemeinde Schenklengsfeld gebührt Dank für die Instandhaltung der unvergleichlichen Anlage.

Von Brunhilde Miehe

Kommentare