Leseabend in der Martinskirche mit Christian Schmidt und Ulrich Pakusch

Starke Bilder im Kopf

Im anregenden Gespräch nach der Schimmelreiter-Lesung: Bürgermeister Thomas Fehling mit seiner Frau Gabriele, Musiker Ulrich Pakusch (Mitte) sowie Hersfeld-Preisträger Christian Schmidt (von links). Foto: 

Bad Hersfeld. Mut und Freiheit sind Gaben, die wir bitter nötig haben“, sagte Pfarrer Karl-Heinz Barthelmes einleitend zur Schimmelreiter-Lesung am Samstagabend in der Martinskirche auch im Hinblick auf die tragischen Ereignisse in Paris.

Hauke Haien ist eine fiktive Figur in der bekannten Novelle von Theodor Storm, die als mutiger Visionär gegen die Dummheit und Borniertheit seiner Mitmenschen kämpft und am Ende tragisch umkommt. Doch sein Werk, ein neuer robuster Deich, steht der Erzählung nach heute noch und rettet so Land und Leben der Menschen. Der faszinierende Schreibstil Storms, die exzellente Lesetechnik des Schauspielers und Hersfeldpreisträgers Christian Schmidt, dazu die dezente, musikalische Untermalung von Ulrich Pakusch auf der Orgel machten die Lesung zu einem tollen Erlebnis.

Veranstalter war die Kirchengemeinde, die von dem Verein Stadtmarketing und vom Modehaus Sauer unterstützt wurde.

Gefühlvolle Musik

Filmreif gelang es den beiden Künstlern, starke Bilder im Kopf hervorzurufen. Die über 100 Besucher in der Kirche hörten förmlich das Toben des Windes, das peitschende Wasser und das Geschrei der Möwen. Sie spürten die unglaubliche Spannung in den Gesprächen und im Geschehen. Packend und fesselnd hauchten Schmidt und Pakusch den Figuren sowohl mit den stimmlichen Nuancierungen, der starken Mimik als auch mit der gefühlvollen Musik Leben ein.

Eine Kerze flackerte vor dem studierten Schauspieler auf dem Tisch. Hinter ihm war an der Kirchenmauer ein schwarzes Tuch aufgezogen worden, auf dem mit wenigen weißen Strichen der Deich und das Meer skizziert waren.

Als die Lesung begann, war es sofort ganz still im dunklen Raum. Pakusch spielte eingangs das Praeludium e-Moll von Arnold Brunckhorst, dann verschnitt er Motive aus „Peter Grimes“ von Benjamin Britten mit den Textstellen. Als der Erzähler in der Novelle glaubte, einen an ihm vorbeiwehenden Geist in der Erscheinung eines auf einem Schimmel sitzenden Reiters zu sehen, huschten Pakuschs Finger schnell und geheimsnisvoll klingend über die Orgeltasten. Werke von Dietrich Buxtehude komplementierten seine musikalische Umrahmung norddeutscher Provenienz.

Als die Erzählung ihrem dramatischen Ende zuging, zog Schmidt als Hauke alle Register seines Könnens und schrie verzweifelt „Elke, Elke“ in den Kirchenraum. Die Frau des Deichgrafen starb mit dem gemeinsamen Kind in der Sturmflut, die Hauke vorausgesehen und für die er eigentlich vorgesorgt hatte, wenn nicht die engstirnigen Dorfbewohner dagegen gearbeitet hätten. Das blanke Entsetzen stand im Gesicht des Vorlesers und auch in den Gesichtern der Zuhörer.

Bei dieser Lesung stimmte einfach alles: Schauspiel, Musik und der Veranstaltungsort.

Von Vera Hettenhausen

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