Plädoyers im Mordprozess Scheib – Verteidiger weist auf viele Ungereimtheiten hin

Staatsanwalt für Freispruch

Fulda. Verteidiger Jochen Kreissl war überrascht vom Plädoyer des Staatsanwalts Werner Stock, der gestern Freispruch für den angeklagten 46-Jährigen aus Dinslaken beantragte. „Ich war bislang davon ausgegangen, dass die Staatsanwaltschaft meinen Mandaten für den Täter hält“, sagte Rechtsanwalt Kreissl, der ebenfalls auf Freispruch plädierte, den neun Tage dauernden Prozess jedoch anders analysierte.

Angeklagter saß im Auto

Der Angeklagte, der seit August in U-Haft sitzt, soll 1988 die 21 Jahre alte Kerstin Scheib in einem Waldstück bei Neuenstein (Kreis Hersfeld-Rotenburg) ermordet haben. Im Sommer dieses Jahres hatten DNA-Untersuchungen nachgewiesen, dass der Angeklagte im Wagen der Ermordeten gesessen haben muss. Am Tattag, dem 17. November 1988, war der heroinabhängige Mann aus einer Drogeneinrichtung bei Marburg entwichen und nach Wesel zu seinen Eltern getrampt. Ob er auch im Wagen von Kerstin Scheib ein Stück mitgefahren sei, könne er heute nicht mehr sagen, erklärte er vor Gericht, und er versicherte gestern in seinem letzten Wort: „Ich habe keinen Menschen getötet und würde das niemals tun.“

Die DNA-Analyse, die erst zur Anklage führte, hat für den Staatsanwalt allerdings auch dafür gesorgt, dass „nicht ausräumbare Zweifel an der Täterschaft“ des 46-Jährige bestünden. Stock stützte sich unter anderem darauf, dass in dem Auto auch DNA-Spuren fünf unbekannter männlicher Personen gefunden wurden – möglicherweise sei einer davon der Täter.

Viele Fragen offen

Verteidiger Kreissl erläuterte in seinem Plädoyer, wie viele Fragen seiner Ansicht nach in der Beweisaufnahme offen geblieben sind. Und er kritisierte den psychiatrischen Sachverständigen Dr. Rainer Hoffmann: „Ich schätze ihn, aber dieses Gutachten erachte ich als Unverschämtheit. Dr. Hoffmann hat es erstellt, ohne ein Wort mit meinem Mandanten zu sprechen.“

Der Verteidiger führte zur Entlastung die Aussagen dreier Zeugen an. Sie hatten damals erklärt, Kerstin Scheib am Tattag noch gegen 15.30 Uhr an einer Tankstelle gesehen zu haben, unweit des Herborner Rasthofs, wo ihr Auto gefunden worden war. „Vieles passt hier nicht zusammen“, schloss der Anwalt. „Es ist nicht so klar, wie ich es möchte. Und es ist nicht so klar, wie Sie meinen“, sagte er an den Nebenklagevertreter Sven Bromba gerichtet.

Dieser hatte zuvor auf lebenslang plädiert. Zu 100 Prozent habe sich bestätigt, dass der Angeklagte des Mordes schuldig sei. Der Angeklagte habe damals nur ein Ziel gehabt – nach Wesel zu fahren, um sich dort Geld und Drogen zu besorgen. Die Brutalität des Mordes an Kerstin Scheib weise dasselbe Muster auf, wie zwei Überfälle des Angeklagten auf zwei alte Damen, die er mit Faustschlägen auf den Kopf niederstreckte, um die Handtaschen zu rauben. Diese Taten beging der Angeklagte 1988 nur wenige Tage, nachdem Kerstin Scheib in einem „Gewaltexzess“, wie es der Gerichtsmediziner nannte, getötet worden war.

Von Leoni Rehnert

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