250 Dinge, die wir an der Region mögen (213): Der Orgelstein in Schenklengsfeld

Sprechende Steine

Erzählt eine Geschichte: Der Orgelstein auf dem Schenklengsfelder Friedhof. Foto: Honikel

Schenklengsfeld. Alte Grabsteine erzählen manchmal Geschichten, die über die bloßen Lebensdaten der Verstorbenen hinausgehen: So haben wir auf unserem Friedhof einen sogenannten „Orgelstein“, der schon wegen der dort abgebildeten Orgel aus dem Rahmen der üblichen Steine herausfällt und der zu den besonders schönen Exemplaren zählt. Seine Geschichte passt in unsere dunkle Jahreszeit, in der wir nach altem Brauch die Gräber unserer Verstorbenen aufsuchen.

Im Jahre 1798 wütet im Landecker Amt drei Monate lang von Mai bis Juni eine tödliche Seuche, die „Pocken“, auch „Blattern“ genannt – eine Krankheit, die erst circa 20 Jahre später durch Impfungen eingedämmt werden konnte.

In dieser Zeit lebt der junge Soldat Balthasar Gutberlet mit seiner Frau Barbara Elisabeth auf dem Hof Thalhausen.

Drei kleine Kinder waren schon geboren und das vierte sollte im September 1798 folgen, als eine jener schrecklichen Plagen der früheren Jahrhunderte über das Landecker Amt hereinbrach: die oben erwähnte Pocken-Krankheit.

Innerhalb von drei Monaten starben 24 Kinder; der Pfarrer musste an manchen Tagen zwei Beerdigungen vornehmen, einmal waren es sogar vier. Wir können nur ahnen, wie sehr es die Familie Gutberlet getroffen haben muss, als sie gleich zwei ihrer kleinen Kinder sterben sah.

Aber die Geschichte ist damit nicht zu Ende. Die Familie lebte weiter auf dem Hof Thalhausen, als im Jahre 1808 der Pfarrer beim Taufeintrag eines weiteren Kindes als Beruf des Vaters „Steinhauer“ angibt. Balthasar hat also sein Soldatenleben beendet, wird für ein paar Jahre Steinhauer, bis ihm am Ende seines Lebens mit 46 Jahren die schwere Arbeit wohl zu viel wird, und der Pfarrer bei seinem Sterbeeintrag als Beruf „Ackermann“ schreibt.

So liegt es nahe, wenigstens einen der sehr schön bearbeiteten Grabsteine aus der Zeit um 1800 dem Balthasar zuzuschreiben; denn er setzt hier seinen beiden Kindern ein ungewöhnliches Denkmal. Auf der Schauseite des Grabsteins ist die damalige Schenklengsfelder Orgel abgebildet, so wie sie der Orgelbauer Johannes Schlottmann um 1750 geschaffen hat.

Aus dem Vergleich mit weiteren Schlottmann-Orgeln wie der damaligen Hersfelder Stadtkirchen-Orgel hat der Marburger Kunsthistoriker D. Grossmann die Identität dieser Abbildung auf dem Grabstein mit dessen weiteren Orgeln feststellen können. Dies ist also die einzige Ansicht, die wir von der alten Schenk-lengsfelder Orgel haben.

Alle Schlottman-Orgeln haben an den Seiten Ornamente in Holz gearbeitet, und oben auf sitzen rechts und links zwei geflügelte Engel. Das muss wohl den Ausschlag für die Wahl dieses Orgel-Motivs auf dem Grabstein gewesen sein; denn die Engel halten je eins der Kinder an der Hand.

„Hier vor diesem Denkmal ruhen des hiesigen Einwohners Balthasar Guttberlet seine zwey lieb gewesenen Kinder…“ So meißelt der Vater seine Trauer in den Stein, und wir können sie nachfühlen. Auf der oberen Umrandung des Steins steht noch etwas, da spricht der Bruder zur Schwester: „Komm, Schwester, wir wollen zum Herrn gehen.“ Wir sprechen heute viel von Trauer-Arbeit, die jeder auf seine Weise bei einem Todesfall leisten muss. Und da ist es tröstlich zu wissen, dass es früher nicht anders war.

Von Liesel Honikel

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