Der Bundestagsabgeordnete Michael Roth war Praktikant in der HZ-Redaktion

Mit spitzen Fingern

Am Schreibtisch: Michael Roth wechselte die Seiten und arbeite für einen Tag lang als Journalist statt Politiker. Von der Blattkritik bis zur Umfrage – auf ihn wartete das volle Tagesprogramm der Redakteure. Foto: Broy

Bad Hersfeld. „Schmierfinken“ heißt ein Buch, in dem Politiker sich kritisch über die Arbeit von Journalisten auslassen. Ein Beitrag stammt von Michael Roth (SPD), der den Wahlkreis Werra-Meißner – Hersfeld-Rotenburg im Bundestag vertritt. Die HZ-Redaktion nahm das zum Anlass, ihn als Praktikanten zu engagieren. Gestern schnupperte er einen Tag lang Zeitungsluft.

9.00 Uhr: Michael Roth kommt in der Redaktion an. Statt in Anzug und Krawatte präsentiert er sich im gestreiften Hemd, Jeans und Turnschuhen. „Ich nehme Journalisten meistens leger wahr und wollte mich dementsprechend kleiden“, erklärt er.

9.15 Uhr : Redaktionskonferenz. Der Praktikant darf heute die tägliche Blattkritik übernehmen. Das heißt, dass er die Wochenend-Ausgabe und die Montagsausgabe der HZ kritisch bewertet. Gut gefallen ihm besonders das Montagsinterview, der Aufmacher zum Thema Sperrmüll und die emotionsgeladenen Bilder des Sportteils. Weniger gut findet er generell die Berichterstattung über schwere Unfälle, die sei „voyeuristisch“.

9.35 Uhr: Themenvergabe. Roth bekommt gleich eine ganze Reihe von Aufgaben: Er soll einen „Henner“ für die heutige Ausgabe schreiben (oben links zu finden), zwei eingereichte Texte redigieren, eine Umfrage in der Innenstadt zu machen (siehe unten) und einen Gastkommentar schreiben.

9.50 Uhr: Der „Henner“ ist fertig. Rekordzeit für einen Praktikanten. Jetzt geht es ans Redigieren. „Auf die Zeile genau zu schreiben ist gar nicht so einfach“, merkt der Praktikant, der sein I-Phone besser beherrscht, als das Zehn-Finger-System und die Tastatur deshalb mit spitzen Fingern bearbeitet.

10.50 Uhr: Fertig mit dem Redigieren. Roth stärkt sich mit einem Pfirsiche, bekommt einen Kompaktkurs zur Bedienung der Digitalkamera und macht sich auf dem Weg in die Innenstadt.

11.30 Uhr: Roth ist ein charmanter Praktikant. Er schafft es auch die Damen, die sich zunächst weigern, abzulichten. Einige Passanten erkennen ihn und verdrehen neugierig den Kopf, während er nach einem jungen Familienvater zum Befragen sucht.

12.30 Uhr: Fertig! Alle Bilder sind geschossen, die Meinungen eingeholt. Damit war der Praktikant eine halbe Stunde schneller als geplant. Er gönnt sich einen Kaffee am Marktplatz und kommt prompt mit der Schauspielerin Viola Neumann ins Gespräch). Die beiden analysieren die diesjährigen Festspiel-Inszenierungen.

14.30 Uhr: Nach der Mittagspause ist die Umfrage schnell niedergeschrieben, auch der Kommentar geht dem Praktikanten einfach von der Hand. Bei der Bildauswahl wird Roth von den Kollegen eiskalt überstimmt („Da sehe ich aber gar nicht gut aus. Naja, ich habe hier wohl nichts zu sagen.“)

18.00 Uhr: Korrekturlesen und Feierabend. „Mir war vorher gar nicht klar, wie viel Zeit der technische Teil der Arbeit beansprucht und wie zugänglich Redakteure für Ideen von außen sind“, sagt er.

Aufgezeichnet von Sonja Broy

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