Den Spiegel vorgehalten: Erol Sander rezitierte Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ in der Stiftsruine

In Flammen: Am Ende seiner Lesung entzündete Erol Sander sein eigenes Bildnis symbolhaft, so als ob er sich davon befreien müsste. Fotos: Steffen Sennewald

Bad Hersfeld. Das Bildnis, das Spiegelbild, das Ebenbild, der Abglanz oder der Abklatsch – all das wurde schon in der Antike von den großen Philosophen und Dichtern ausführlich diskutiert und beschrieben. Und trotzdem werden heute tagtäglich aber und aber Millionen von Selfies erstellt und geteilt.

Warum? Wozu? Wie viel Narzissmus braucht der Mensch im Alltagsleben, um mit Freude, Lust und Vergnügen, mit Genuss oder sinnlicher Begierde produktiv und nicht destruktiv sein Leben zu leben? Woher kommt diese Selbstverliebtheit, diese unrealistische Selbstüberschätzung oder egoistische Selbstzentrierung im Universum?

Oscar Wilde widmete sich aus ureigenem Interesse des Stoffes und schrieb seinen einzigen aber dafür umso berühmteren Roman bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts.

In der Zeit des „Fin de siècle“ gelingt es dem wohlhabenden, jungen, eitlen, selbstsüchtigen und schönen Dorian Gray mit Hilfe des manipulativen Lord Henry Wotton, sein vom talentierten Maler Basil Hallward liebevoll geschaffenes Ebenbild, anstelle seiner selbst altern zu lassen. Sein dekadenter Alltagsnarzissmus führt ihn langsam aber sicher in einen Größenwahn, von dem er sich nur noch selbstzerstörerisch befreien kann – mit Messerstichen auf sein Bildnis tötet er sich selbst.

Das Roman selbst ist inzwischen mehrere zigmal als Ballett, Musical, Oper und Theaterstück auf die Bretter der Welt gebracht wurden. Und auch die zahlreichen Verfilmungen, zeugen von höchster Weltkultur. Im Rahmen der Bad Hersfelder Festspiele war der aus Film und Fernsehen wohlbekannte Schauspieler Erol Sander, geboren 1968 in Istanbul, angereist. Mit einer szenischen Rezitation in der Stiftsruine präsentierte er dieses Werk am Freitagabend vor einem mehrheitlich weiblichen und begeisterten Publikum.

Links ein Stuhl mit Armlehnen vor einem in schwarzem Samt gehüllten Tisch, eine Tasse Tee. Mittig die legendäre LED-Wand aus der Hexenjagd mit seinem Konterfei und der Programmankündigung. Rechts nochmal sein Konterfei auf dem Programmheftplakat an einem Lichtständer aufgehangen. Die Stiftsruine in ein dunkles Blau mit leichtem Violett getaucht.

Und dann erschien, von erwartungsvollen Seufzern begleitet, Erol Sander. Dunkelheit. Über die LED-Fläche huscht die erste Filmsequenz aus der 2009er Verfilmung von „Das Bildnis des Dorian Gray“ mit Ben Barnes und Colin Firth unter Regie von Oliver Parker. Fast nahtlos gelingt Erol Sander dann der Übergang in die Rezitation mit einer vielleicht zu ruhigen und gleichförmigen Stimme, mit wenig Gestik und Mimik, angestrahlt nur von zwei kontrastreichen Scheinwerfern. In mehreren szenischen Wechseln zwischen Rezitationen und Trailern entwickelt Erol Sander das Thema bis zum finalen Höhepunkt, der Tötung des Monsterbildes im Film. Zeitgleich erhebt sich Erol Sander, schreitet nach rechts zu seinem eigenem Bildnis und entzündet es symbolhaft, so als ob er sich davon befreien müsste. Dunkelheit. Erol Sander verneigt sich und seine weiblichen Fans jubeln ihm frenetisch zu.

Und später am Abend bemerkte Erol Sander noch: Die Stiftsruine ist der Hammer!

Von Steffen Sennewald

Lesung mit Erol Sander in der Stiftsruine

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