Sparkassenforum: Interview mit Helmut Markwort

Ein Mann mit vielen Gesichtern: Mal nachdenklich, mal verschmitzt, aber immer hellwach und pointiert – so präsentierte sich der Journalist Helmut Markwort beim Interview mit unserer Zeitung. Alle Fotos: Ludger Konopka

Bad Hersfeld. Der Journalist und Verlagsmanager Helmut Markwort, Herausgeber des Nachrichtenmagazins Focus, war am Freitagabend Gastredner beim Sparkassenforum in Bad Hersfeld. Er referierte über das Thema „Die Macht der Medien“. Darüber sprach er auch mit Kai A. Struthoff

Herr Markwort, Sie sind Journalist, ich bin Journalist, aber sind wir deshalb auch mächtig?

Helmut Markwort: Natürlich sind wir mächtig. Ich verstecke das auch nicht. Manche Kollegen sind da wohl bescheidener. Aber außerhalb unserer Berufsgruppe werden wir sogar für noch mächtiger gehalten.

Wird unsere Macht vielleicht auch überschätzt?

Markwort: Es wird oft versucht, uns zu instrumentalisieren. In den USA macht Präsident Obama das meisterhaft vor. Hier versucht man das zu imitieren. Alle wollen irgendwie in die Medien kommen. Denn wer die Aufmerksamkeit nicht hat, der spielt keine Rolle.

Es wird aber auch immer wieder versucht, die Macht der Medien zu begrenzen. Durch das Internet, Twitter und soziale Netzwerke fällt diese Einflussnahme aber schwerer. Sind die neuen Medien ein Gewinn für die Pressefreiheit?

Markwort: Wir erleben zurzeit eine sensationelle Revolution. Jeder kann sich heute mitteilen, ohne Druckmaschinen, oder Verlage. Trotzdem staune ich, wie es jetzt in Ägypten gelingt, zumindest regional das Internet zu kontrollieren. Wir haben ja in Tunesien gesehen, dass die Aufstände und die Treffpunkte der Aufständischen über das Netz kommuniziert wurden.

Andererseits ist die Vielzahl der Informationen im Internet schwer zu kanalisieren und zu verifizieren. Sind wir wirklich informierter, nur weil wir viele Informationen haben?

Markwort: Es ist tatsächlich eine Flut von Informationen. Doch genau dafür sind wir Journalisten da, diese Flut zu kanalisieren und zu ordnen. Hinzu kommt ja auch, dass im Internet viel anonym veröffentlich wird, was dann auch zu Diffamierungen führt. Denken wir nur an diese neuen Schülerblogs, wo man sich gegenseitig mies machen kann. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

Muss das Internet schärfer kontrolliert werden?

Markwort: Das wird nicht gehen. Wir sehen ja, was bei Wikileaks passiert. Man kann nur hoffen, dass die Menschen ihre Informationen bei uns, bei den verantwortungsvoll redigierten Medien suchen. In der Zeitung sind eine redaktionelle Verantwortung und eine ethische Position vorhanden. Aber viele Leute glauben den größten Schmarrn, nur weil er im Internet steht.

Sie waren seit 1966 bis 2010 ununterbrochen Chefredakteur. In dieser Zeit haben Sie sicher viele Versuche der Einflussnahme erlebt. Wie ist es bei uns um die Pressefreiheit bestellt?

Markwort: Um die muss man täglich kämpfen. Das habe ich schon als Volontär beim Darmstädter Tagblatt erlebt. Da habe ich einen fulminanten Verriss eines Films geschrieben, und dann stürmten der Anzeigenleiter und der Kinobesitzer in die Redaktion und beschuldigten mich, ihr Geschäft kaputtzumachen. Später hat dann die mächtige Telekom alle Anzeigen für Focus gesperrt, weil wir bei denen einen Skandal aufgedeckt haben. Bei den Printmedien ist die Abhängigkeit von Anzeigen groß. Deshalb müssen die Verlage stark sein.

Und wie ist es mit der Einflussnahme durch die Politik?

Markwort: Der alte Verleger Franz Burda hat immer gesagt, die Politiker abonnieren nicht und inserieren nicht – die sind mir wurscht! Die Politik versucht mehr Einfluss auf die öffentlich-rechtlichen Medien zu nehmen. Dort wird die Personalauswahl nach Parteien-Proporz von Politikern bestimmt. Und bei den privaten Sendern geht es nur um Kommerz. Da wird viel Müll und schlechter Geschmack verbreitet.

Sie sind Mitglied der FDP. Hat Ihnen das journalistisch keine Probleme bereitet?

Markwort: Einige sagen, Journalisten dürfen nie Mitglied einer Partei sein. Das ist die reine Lehre. Ich bin 1968 in die FDP eingetreten, damals war ich Chefredakteur einer Programmzeitschrift – ein völlig unpolitische Arbeit. Aber ich wollte mich in dieser Zeit der außerparlamentarischen Opposition politisch engagieren. Dennoch war stets mein oberstes Gebot: Keine Partei, kein Politiker kann mir vorschreiben, was ich denke und schreibe. Aber jeder Journalist hat auch eine politische Meinung: Ich würde es zum Beispiel beklagen, wenn wegen Herrn Westerwelle der Liberalismus aus Deutschland verschwände.

Ihr Credo war immer: Fakten, Fakten, Fakten. Wenn man sich heute weite Teile der Medien ansieht, könnte man meinen, es gehe nur noch um Fun, Fun, Fun – also immer seichtere Unterhaltung...

Markwort: Je älter ich werde, desto medienkritischer werde ich auch. Ich registriere eine Boulevardisierung aller Themen, ein verzweifeltes Hinterherrennen hinter Lesern und Zuschauern, die sich nicht mehr für Politik interessieren. Die berühmten jungen Zuschauer gehen nicht wählen und gucken – überspitzt gesagt – RTL. Aber die Nachrichten dort enthalten wenig Sachinformationen, dafür aber viel Sex and Crime.

Sparkassenforum mit Helmut Markwort

Sie sagen auch: Immer an die Leser denken. Wenn die aber nun keine Politik wollen?

Markwort: Wir haben auch eine ethische Grundverantwortung, die aus dem Artikel 5 des Grundgesetzes resultiert und Basis unserer Arbeit ist. Wir haben daher den Auftrag, entscheidungsfähigen und klugen Wahlberechtigten zu helfen sich umfassend zu informieren.

Trotzdem verlieren die Tageszeitungen, aber auch der Focus, stetig an Auflage. Hat die gedruckte Nachricht überhaupt noch eine Zukunft?

Markwort: Natürlich hat die Zeitung eine Zukunft, aber dafür müssen wir täglich kämpfen. Keiner will mehr die gedruckte Tagesschau vom Vorabend lesen. Die Zeitung muss sich weiterentwickeln. Aber daran arbeiten ja auch alle.

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