Rabatt kaum nachgefragt / Wie kann Bedürftigen wirklich geholfen werden?

Die Sozialcard läuft nicht

+
So sieht die Sozialcard aus: Heike Oelschläger hier bei der Präsentation im Mai mit Stadtwerke-Chef Peter Sobisch (links), Vertriebsleiter Georg Schüler und dem Fachbereichsleiter Soziales in Bad Hersfeld , Karl Schmidt (rechts). Foto: Schoenholtz/Archiv

Bad Hersfeld. Wer wenig Geld hat, muss gut rechnen können. Gerhard Amend, der Vorsitzende der Initiative Sozial e.V. im Kreis, kann gut rechnen. Er berät unter anderem Hartz-IV-Empfänger. „Um sich einen Kühlschrank zu leisten, müsste ein Hartz-IV-Empfänger theoretisch 12 Jahre sparen, für eine Waschmaschine sogar 18 Jahre“, sagt Amend.

Seine – natürlich zugespitzte – Musterrechnung stützt sich auf die Regelleistungen der Hartz-IV-Sätze, wonach ein Erwachsener monatlich 1,40 Euro für einen Kühlschrank und 1,56 Euro für eine Waschmaschine geltend machen kann. „Es ist zwingend erforderlich, dass die Hartz-IV-Sätze angepasst werden, vor allem für Kinder“, sagt Amend. Denn Kinder wachsen schnell und brauchen ständig neue Kleidung oder Schuhe.

Das so genannte Lohnabstandsgebot, wonach die Regelsätze unter der Einkommensgrenze liegen sollen, sieht Amend aber kritisch. „Die Löhne sinken immer mehr, irgendwann dürfte es dann konsequenterweise gar keine Unterstützung mehr geben“, sagt er etwas polemisch und berichtet von Arbeitnehmern aus der Region, die Stundenlöhne von nur vier Euro hätten.

DGB für Mindestlöhne

Das bestätigt auch Michael Rudoph vom DGB-Nordhessen. Auch er plädiert für eine Erhöhung der Regelsätze vor allem für Kinder. „Kinder müssen teilhaben können, das fängt schon mit dem Geld für die Beförderung zur Schule an.“ Um den Abstand zwischen Hartz IV und dem Gehalt von Arbeitern zu wahren, macht sich Rudolph für die Einführung von Mindestlöhnen und eine stärkere Tarifbindung stark. „8,50 Euro pro Stunde – das ist die absolute Mindestgrenze“, fordert der Gewerkschafter.

Gutscheine diskriminieren

„Die soziale Not steigt“, bestätigt auch Gerhard Amend die Einschätzung von Kirchen und Sozialverbänden im Kreis. Er stützt sich auf die Erfahrungen, die er in den regelmäßigen Sprechstunden im Bad Hersfelder Büro der Initiative Sozial macht. Von einer Sozialcard für zusätzliche Leistungen, wie etwas Schwimmbadbesuche oder Nachhilfe, hält Amend allerdings nichts. „Gutscheine diskriminieren immer“ meint er und verweist auf die natürliche Scheu, aus Scham keine Hilfe annehmen zu wollen.

Sozialcard läuft nicht

Vielleicht liegt es daran, dass die Anfang Mai in Bad Hersfeld eingeführte Sozialcard für Hartz-IV-Empfänger „nicht so recht angenommen wird“, wie Heike Oelschläger von den Stadtwerken bedauernd einräumt.

Lesen Sie hierzu auch:

Im Kreis wächst die Kritik an Hartz IV

Von rund 650 Haushalten in der Stadt, die die Karte nutzen könnten, hätten bislang nur 26 von dem Angebot Gebrauch gemacht, sagt Oelschläger. Mit der Sozialcard gibt es den halben Eintritt für die städtischen Schwimmbäder, die Festspiele und das Abo-Theater und die Grundgebühr von 7;14 Euro für den Strom wird erlassen.Warum die Karte nicht so gut angenommen werde, kann auch Oelschläger nicht erklären. Sie appelliert an andere Firmen und Einrichtungen, sich an den sozialen Ermäßigungen zu beteiligen. „Ein Gratis-Eis im Monat wäre doch auch eine feine Sache“

†  Informationen zur Sozialcard bei den Stadtwerken unter 06621 / 16631

Von Kai A. Struthoff

Kommentare