Pro Tag donnern 1500 Lkw durch den Ort – Bürgerinitiative startet „Entschleunigung“

Sorgaer ziehen Notbremse

Nacktes Entsetzen: An der Flanke des ausscherenden Silozuges mit Gefahrgut-Kennung hat Bundesstraßen-Anwohner Heinrich Fischer auch noch einen Totenkopf geortet. Foto: Hornickel

Sorga. Seit mehr als 50 Jahren wohnt Heinrich Schüler (72) an der Hauptstraße 26 in Sorga. Und genau so lange wartet er auf den Bau einer Umgehungsstraße. „All die Jahre haben uns die Politiker verschaukelt“, schimpft er, während er auf der mit einer weißblau gemusterten Kirmeseinheit unter dem Balkon seines Hauses sitzt.

„Egal, wer an der Macht war, für uns getan hat niemand etwas“, unterstreicht Thomas Faßhauer von der Bürgerinitiative Homberger Straße. Es ist vormittags und Rush-Hour auf der Ortsdurchfahrt. In Dreier-Konvois rumpeln Laugenlaster vorbei, nahezu jede Viertelstunde kommt entweder ein beladener oder ein unbeladener Langholztransporter. Die Müllcontainer-Züge, die das Heringer Kraftwerk speisen, wechseln sich ab mit den Gliederzügen der Logistiker Hermes, DHL und Schenker. Ein einzelner Pkw, der auf der Hauptstraße parkt, dämpft das Tempo des Verkehrs in der Ortslage gehörig. Im Begegnungsverkehr können die Lkw die Engstelle nicht passieren. Die Lastwagenfahrer dagegen, die freie Bahn haben, schalten einen Gang herunter und brausen an dem Hindernis mit brüllendem Motor vorbei.

Heinrich Fischer ist einer der fünf Sprecher der Initiative Ruhe, die mit allen Mitteln dafür kämpft, dass die Planungen für eine Umgehungsstraße wieder aufgenommen werden.

Sie haben Bürgermeister Thomas Fehling eingeschaltet, an Hessens Verkehrsminister Dieter Posch geschrieben und sich in ihrer Not an das Amt für Straßen- und Verkehrswesen in Eschwege gewandt.

„Wir sind überparteilich aufgestellt und hoffen nun, dass sich alle an einen Tisch setzen, um etwas zu bewegen“, sagt Heinrich Fischer, ein weiterer Sprecher der BI. Auch Fischer ist Sorgaer. Zusammen mit Aktivisten von der Homberger Straße wollen sie eine Entlastung von den 15 000 Fahrzeugen am Tag und von Lkw-Mautprellern. Geradezu unerträglich finden es die Sorgaer, dass momentan schon bis zu 1500 schwere Lkw täglich durch den Ort röhren. Dabei malen sie sich aus, was passiert, wenn sich ein Unfall mit einem der ungezählten Silozüge ereignet, die pro Fuhre 35 000 Liter Salzlauge aus dem Kaliwerk Neuhof an die Werra bringen. Auch vor den Giftmülltransporten in den Schacht Herfa fürchten sich die Anwohner der Sorgaer Hauptstraße.

Um ihrem Protest Nachdruck zu verleihen, wollen die Sorgaer Aktivisten nicht länger auf Parteien oder Behörden warten.

Schon in dieser Woche will die Bürgerinitiative die 1,4 Kilometer lange Ortsdurchfahrt „entschleunigen“. wie es BI-Sprecher Heinrich Fischer gestern formulierte. Die Mitglieder der Bürgerinitiative wollen ohne Vorwarnung an der Hauptstraße so parken, wie es die Straßenverkehrsordnung zulässt. „Wir machen das ganz legal“, sagt er. Es werde keine Schilder und keine Flugblätter geben.

„Das wird gut laut“, meint Fischer, der sich auf ein Hupkonzert der zornigen Lkw- und Autofahrer gefasst macht.

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Von Kurt Hornickel

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